Samstag, 1. April 2017

Die indirekte Rede



Die indirekte Rede
Überall, wo etwas berichtet wird (Zeitung usw.), wird die indirekte Rede gebraucht. Wenn man die Äußerung eines anderen Menschen (A) wiedergibt, kann man das (als Sprecher S) wörtlich oder eben indirekt tun. Der Unterschied ist folgender:
  • Wenn man die Äußerung des A wörtlich (also buchstäblich genau, mit Anführungs- und Schlusszeichen) wiedergibt, ist man für deren Wahrheit nicht verantwortlich:
    (1) Hans sagte vorgestern: „Ich fahre heute noch nach Berlin.“
  • Wenn man die Äußerung des A indirekt, also ohne Anführungszeichen wiedergibt, distanziert man sich davon im Konjunktiv I, und man bezieht den Inhalt der Äußerung perspektivisch auf den eigenen Standpunkt:
    (1)‘ Hans sagte vorgestern, er fahre noch am gleichen Tag nach Berlin.
  • Das gilt nicht nur für Personen und Zeit, sondern auch für den Ort:
    (2) Hans sagte gestern bei seiner Oma: „Hier bin ich richtig zu Hause.“
    (2)‘ Hans sagte gestern bei seiner Oma, dort sei er richtig zu Hause.
  • Frage- und Befehlssätze werden bei der Wiedergabe umgeformt:
    (3) Anna sagte: „Gebt Tanja bitte Bescheid!“
    (3)‘ Anna sagte, sie sollten Tanja [bitte] Bescheid geben.
    (4) Ben fragte: „Kommt Tanja auch mit?“
    (4)‘ Ben fragte, ob Tanja auch mitkomme.
Aus dem Ich-Hier-Jetzt des A wird bei der indirekten Rede des S also Er-Dort-Damals; wie man das jeweils sprachlich ausdrücken kann, muss man im Einzelfall prüfen.
S verändert die Äußerung des A, wenn er sie indirekt wiedergibt; das muss er fairerweise kenntlich machen, indem er die Äußerung A.s in den Konjunktiv setzt. (Wenn aber im Bericht des S nach einem Verb des Sagens klar ist, dass es sich um eine Äußerung A.s handelt, kann S auch auf den Konjunktiv verzichten; der Übung halber soll das jetzt nicht geschehen.) Wenn eindeutige Formen des Konjunktivs I zur Verfügung stehen, sind diese vorzuziehen; andernfalls weicht man auf den Konjunktiv II aus.
Für die indirekte Wiedergabe einer Äußerung A.s kann S auch einen dass-Satz nehmen:
(2)‘‘ Hans sagte gestern bei seiner Oma, dass er dort richtig zu Hause sei.
(3)‘‘ Anna sagte, dass sie Tanja Bescheid geben sollten.
Fragesätze kann man nicht in dass-Sätze umwandeln.

Donnerstag, 30. März 2017

Winterhoff: Wie geht richtige Erziehung?


Problem: Heute haben Eltern und auch Großeltern oft Angst vor Konflikten. Sie denken, dass sie nicht mehr geliebt werden, wenn sie mal Nein zum Kind sagen.
Folge: Das Kind entwickelt sich zu einem lust- orientierten Egoisten, dem es schwer fällt, wenn sich nicht alles nach ihm richtet. Als Erwachsene scheitern sie dann am Chef oder sind unfähig, eine Partnerschaft aufrecht zu erhalten, weil sie keine Kompromisse gewöhnt sind.
Lösung: Ein Kind darf nicht alles bekommen. Es braucht Grenzen, z.B.: „Heute darfst du nicht fernsehen.“ Diese Lenkung gibt den Kindern Schutz und stärkt die Bindung.
(Aus: Bild-Ratgeber, http://www.bild.de/ratgeber/kind-familie/kindererziehung/diese-fehler-duerfen-sie-nicht-machen-32556798.bild.html, s.u.) Die Sicht Michael Winterhoffs, des Ratgebers, eines Bonner Kinderpsychiaters, findet man in folgenden Beiträgen:
http://www.spiegel.de/spiegel/a-616055.html (Spiegel-Gespräch mitW. Bergmann und M. Winterhoff, 2009)
Auf youtube findet man ebenfalls M. Winterhoff:
https://www.youtube.com/watch?v=DYMtfwi2hRs („Nachtcafé“, u.a. mit M. Winterhoff)
sowie viele kleine Beiträge dort; er hat mehrere Bücher über Kinder(erziehung) geschrieben.

Sonntag, 19. März 2017

Behaghel: Die deutsche Sprache



Ich möchte auf ein Buch hinweisen, das den Reichtum der deutschen Sprache geschichtlich erschließt, von den Dialekten bis zur Wortbildung, von der Betonung über die Flexion (Deklination, Konjugation) bis zum Satzbau. Es stammt von Otto Behaghel: Die deutsche Sprache, 7. Aufl. 1923; der Autor war Professor in Gießen und ein anerkannter Fachmann, von dem man auch heute noch sehr viel lernen kann (auch wenn Einzelnes sicher wissenschaftlich überholt ist) – fast zu viel, wenn man das Buch in einem Streifen liest; dann könnte man leicht von der Fülle der Einzelheiten verwirrt werden.

Ich verlinke das Inhaltsverzeichnis, damit man sich einen Eindruck von dem machen kann, was einen bei der Lektüre erwartet – oder damit man weiß, was man wo nachschlagen kann. Dem dient dann auch das Wort- und Sachverzeichnis. Blättern kann man, indem man auf eine Seite klickt (links: zurück, rechts: vor), oder unten rechts mittels der Pfeile (Dreiecke). Mit dem dunklen Punkt unten kann man über viele Seiten hinweg springen.


Donnerstag, 16. März 2017

Relativsätze, Relativpronomen, relative Adverbien


1. Beispiele für Relativsätze
(1) Der Mann, der am Fenster sitzt, kommt aus Hamburg.
(2) Ich erinnere mich noch genau [daran], worüber wir gestern gesprochen haben.
(3) Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.
(4) Du musst das Rad prüfen, welches Luft verliert.
2. Theorie der Relativsätze
  • Sie werden durch ein Relativpronomen oder Relativadverb eingeleitet.
  • Sie sind Nebensätze, die sich auf ein Bezugswort im Hauptsatz beziehen.
  • Dieses Bezugswort muss man sich manchmal hinzudenken, siehe (2).
  • Meistens sind sie Attribute; sie können aber auch Subjekt oder Objekt sein.
  • Sie stehen in der Nähe des Bezugswortes.
  • Relativsätze sind restriktiv oder nicht-restriktiv; restriktiv sind sie, wenn sie das Bezugswort näher bestimmen (und so seine Bedeutung einschränken): (5) der Mast, der an unserer Garage steht. Nicht-restriktive Relativsätze fügen dem Bezugswort lediglich ein Merkmal hinzu: (6) unser Auto, das [bekanntlich] braun ist.
  • Relativsätze können Ergänzungen oder Angaben sein: Ergänzungen sind spezifische (notwendige) Satelliten des Nomens, sie vertreten oft den Genitivus subjectivus: (7) der Fehltritt, den der Großvater beging [= der Fehltritt des Großvaters]; Angaben sind unspezifische (beiläufige) Satelliten, sie können der gesamten Wortklasse zugeordnet werden.
  • Es gibt weiterführende Relativsätze, die sich auf den ganzen Satz beziehen: (8) Die Raupe hat stachelige Haare, was sie vor Feinden schützt.
  • Sie werden durch Komma(s) vom Hauptsatz abgetrennt.
3. Die Relativpronomen
  • sind „der, die, das“ (aus dem Demonstrativpronomen entstanden), „welcher, welche, welches“ (eher im Schriftdeutschen - im Mittelhochdeutschen war „welcher“ bloß ein Fragewort; erst seit dem späten 15. Jahrhundert ist es nach dem Vorbild des lateinischen „qui“ [Frage- und Relativpronomen] auch zu einem Relativpronomen geworden), „wer, was“ („wer“ Personen, „was“ Sachen – beide verallgemeinernd);
  • stellen die Beziehung zu einem Nomen oder Pronomen im übergeordneten Satz her, vgl. (1): „der“ „Der Mann“;
  • richten sich in Geschlecht und Zahl nach dem Bezugswort, vgl. (1): „der“ ist Maskulinum, Singular, wie „Der Mann“,
  • während der Fall sich nach der Funktion im Relativsatz richtet, vgl. (1): „der“ ist Subjekt im Relativsatz, steht also im Nominativ.
4. Relative Adverbien
  • Sie können ebenfalls Relativsätze einleiten, siehe (2).
  • Sie bestehen aus den beiden Teilen „wo[r]“ + Präposition, also „woher, wofür, worüber, worauf“ usw.
  • Die Genitivverbindungen „weshalb, weswegen“ behalten ihre Form.
  • Nach Orts- und Zeitangaben kann ein relatives „wo“ stehen: (9) Es kam die Morgenstunde, wo die Entscheidung nahte.
  • Ein modaler Attributsatz kann mit relativem „wie“ angeschlossen werden: (10) Die Art, wie [= in welcher] er erzählt, gefällt mir.

Quellen: Schülerduden Grammatik (7. Aufl.); Jung/Starke: Deutsche Grammatik (1990); Ulrich Engel: Deutsche Grammatik (1988/2009). Vgl. auch http://www.zas.gwz-berlin.de/fileadmin/mitarbeiter/schwabe/teaching/4.2_Attributsaetze.pdf
Die Unterscheidungen restriktiv/nicht-restriktiv und Ergänzung/Angabe braucht man natürlich in der Sekundarstufe I nicht einzuführen; sie sind vielleicht bei stilistischen Untersuchungen in der Sekundarstufe II (für den Lehrer) hilfreich. Vgl. auch http://www.zas.gwz-berlin.de/fileadmin/mitarbeiter/schwabe/teaching/8_Nicht-restr._Relativsaetze.pdf
 
5. Übungen
a) Die meisten Übungen bestehen aus einem Haupt- und einem Relativsatz, in dem das Relativpronomen fehlt. Hier muss man erkennen, welche Funktion das Pronomen im Relativsatz hat sowie Geschlecht und Zahl des Bezugswortes beachten: (8) In jeder Klasse gibt es einen Schüler, ______ man immer helfen muss.
b) Etwas schwieriger ist die Übung, in der man aus zwei Sätzen einen Haupt- und einen Relativsatz bilden soll. Hier kommt die Entscheidung für den Hauptsatz hinzu, wobei man manchmal noch das Tempus im Relativsatz verändern muss: (9) Das Mädchen lief bei Rot über die Straße. Das Mädchen wurde verletzt. Das Mädchen, das bei Rot über die Straße lief, wurde verletzt. [Oder: Das Mädchen, das verletzt wurde, war bei Rot über die Straße gelaufen.]
c) Noch schwieriger ist die Übung, wenn das Bezugswort nicht wörtlich, sondern nur sinngleich im zweiten Satz repräsentiert ist: (10) Sie haben mir im Katalog einen Laserstrahldrucker für 120 Euro gezeigt. Wann ist das Gerät lieferbar? Wann ist der Laserstrahldrucker für 120 Euro, den Sie mir im Katalog gezeigt haben, lieferbar?
d) Vielleicht noch schwieriger ist eine Übung, in der ein Modalverb im Relativsatz entfallen kann/muss: (11) Wo finde ich hier Steckdosen? Sie sollen eine Kindersicherung besitzen. Wo finde ich hier Steckdosen, die eine Kindersicherung besitzen?
(oder in der Suchmaschine „Relativsätze Übungen deutsch“ eingeben!)

Montag, 13. März 2017

Cornelsen - und kein Ende

Cornelsen ist auf dem Schulbuchmarkt ein Riese; daher kann der Verlag sich jede Menge Schlamperei erlauben. Dass die Bücher weithin miserabel gemacht sind, stelle ich seit Jahren fest. Dieser Tage konnte ich es wieder am Arbeitsheft zum Deutschbuch 8, Integrierte Ausgabe, feststellen.
Ich möchte an einem Beispiel die Schwäche des Arbeitsheftes aufzeigen:
Beispiel: S. 66, Satzglieder.
a) Im Text steht bei "von England nach Amerika" als Bestimmung "adverbiale Bestimmung des Ortes"; in Wahrheit sind das zwei adverbiale Bestimmungen, man kann sie ohne weiteres trennen und an verschiedenen Stellen platzieren. Hier genügte eine Korrektur.
b) In der Liste der Satzglieder fehlen das Präpo-Objekt und das Prädikativ: Satzlehre auf dem Niveau einer 5. Klasse! Im zu bearbeitenden Text kommen aber Präpo-Objekt und Prädikativ vor (wenn auch nicht als einzusetzende Phrasen), nur gibt es dafür laut Tabelle keinen Namen (und keine Erklärung). Wenn man also nicht nur die dafür vorgesehenen Satzglieder einsetzt, sondern auch die anderen Satzglieder im Text bestimmen will, steht man auf dem Schlauch.
Ferner: In der Spalte "Frageprobe" stehen nur Fragewörter ("Wer? Was?" usw.); eine Frageprobe ist aber zweifellos ein ganzer Satz, in dem das zu bestimmende Satzglied durch das Fragewort ersetzt ist. Aus meiner Praxis weiß ich, dass bloße Fragewörter zu äußern sinnlos ist; da sagen/raten die Schüler irgendetwas ohne Sinn und Verstand...
Solche Fehler sind nur durch eine Neubearbeitung zu beheben. Das gilt erst recht für die Fehler bei der Einführung der indirekten Rede: Die Erklärung der indirekten Rede im Arbeitsheft 8 (zu: Deutschbuch. Differenzierende Ausgabe, Cornelsen 2015) ist nicht nur nicht richtig, sondern auch falsch. Nicht richtig ist sie, weil die perspektivische Verschiebung vom Ich-Hier-Jetzt der direkten zum Er/Sie-Dort-Damals der indirekten Rede nicht eingeführt und erklärt wird. Falsch sind die Lösungen der Aufgaben zu S. 62 im Lösungsheft: a) Der Tempusfehler aus Aufgabe 1 („erklärt“ und „beklagt“ gehören im Bericht ins Präteritum!) wird in die Aufgabe 2 übernommen (P.-P. „meint“ statt „meinte“). b) Richtig müsste die Lösung lauten: „in Deutschland und England würden die Menschen [statt: wir] die Wolken schlecht machen, weil sie [statt: wir] so viele davon hätten“; „wir“ bleibt als Fehler unerkannt wegen des Adverbials „in Deutschland und England“ - tauscht man es gegen das gleichwertige Adverbial „in Polen“ aus, sieht man direkt, dass „wir“ in „die Menschen“ umgeformt werden muss. In allen drei Beispielen ist die Lösung im Lösungsheft falsch.
Ich habe der für das Projekt Deutschbuch zuständigen Dame angeboten, dass ich für 250 Euro die Fehler des Heftes korrigieren würde. Mir wurde mitgeteilt, dass für solche außerplanmäßige Arbeit kein Geld vorhanden sei; außerdem seien die Mängel (abgesehen von den zwei adverbialen Bestimmungen) eigentlich auch gar keine Mängel, sondern didaktische Vereinfachung. So kann man es auch sehen, wenn man seinen eigenen Murx nicht korrigieren will: Er verkauft sich ja auch so. 


Donnerstag, 9. März 2017

Feministische Propaganda

In einem namentlich nicht gezeichneten Artikel „Feministin nur mit Genderdiplom?“ (https://www.taz.de/!5386533/ undatiert auf taz-online, vermutlich zum Weltfrauentag 2017, also zum 8. März) steht der bemerkenswerte Satz: „Trotzdem bleibt sie beinhart beim generischen Maskulinum, der sie als Frau – zumindest sprachlich – ausschließt.“ Daran ist bemerkenswert, 1. dass die Aussage des Relativsatzes erwiesenermaßen falsch ist, 2. dass die Verfasserin anscheinend „der Maskulinum“ sagt, was ich noch nie gehört habe.
Gegen Ende des Artikels wird Folgendes berichtet: „Kog­ni­tions­forscher*innen haben herausgefunden, dass das, was in der Sprache nicht vorkommt, auch nicht gedacht und damit auch nicht gelebt wird. Wer als Kind immer nur von Trompetern, Fußballern und Taxifahrern hört, denkt irgendwann, dass nur Männer musizieren, Fußball spielen und Auto fahren können. Die oder der kommt dann nie auf die Idee, dass Frauen und Männer das Gleiche können und dafür gleich bezahlt werden müssen. Und Väter ebenso gut für ihre Kinder sorgen können wie Mütter.“ Erstens werden die Kognitionsforscher und ihre Arbeiten nicht genannt, zweitens ist das erwiesenermaßen falsch: Es muss ja wohl die ersten Fußballerinnen gegeben haben, ehe es das Wort „Fußballspielerin“ gab – wie hätte man sonst auf die Idee kommen können, als Mädchen oder Frau Fußball zu spielen [anderseits: Wozu hätte man das Wort bilden sollen, wenn es noch keine Fußballerinnen gab?]? Drittens kennen Leute, die so denken, offenbar nicht die Bedeutung des generischen Maskulinums – daran sind die Feministen schuld, die das generische Maskulinum bewusst falsch verstehen, siehe oben erster Satz!
Alles nach dem Motto: Hauptsache, man hat Argumente, egal ob sie stimmen.

Mittwoch, 8. März 2017

Tempusformen und -system im Deutschen

Normalerweise meinen Schüler, die Tempusformen des Deutschen bezeichneten Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, also die drei Zeitformen oder -stufen.

Dass dem so nicht sein kann, sieht man schon daran, dass es sechs Tempusformen im Deutschen gibt.
Wenn man in den Schülerduden Grammatik (7. Auflage, Nr. 81) schaut, findet man folgende Erklärung: „Die Tempusformen, die mit dem Partizip II und den Hilfsverben sein oder haben gebildet werden, haben eine Gemeinsamkeit: Mit ihnen wird etwas Abgeschlossenes ausgedrückt.“ An dieser Stelle sieht man schön, dass mit einer Tempusform etwas Nicht-Zeitliches gemeint sein kann, eben der Aspekt, dass eine bestimmte Handlung abgeschlossen ist.
Ein differenziertes Verständnis des Tempussystems kann man nicht hoch genug einschätzen; Tempuswechsel in Texten hat immer eine Bedeutung. Die Tempora richtig zu gebrauchen (Präsens für die Analyse, Präteritum fürs Berichten) muss bis in die Sek II hinein geübt werden.
Im Unterricht wird man den Gebrauch der verschiedenen Tempusformen über eine längere Zeit einüben und gelegentlich auf die besondere Bedeutung eines Tempus hinweisen (bzw. sie erarbeiten), ehe man die Bedeutung aller Tempusformen systematisch untersucht; das kann dann in Kl. 8 oder 9 geschehen.

1. Vorbemerkungen
a) Die lateinischen Bezeichnungen führen in die Irre, wenn man meint, sie drückten die Leistungen der deutschen Tempusformen aus.
b) Wir unterscheiden zwischen Zeit oder Zeitstufen (Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft) und den sechs (oder mehr oder weniger – das ist umstritten) Tempusformen der deutschen Sprache.
c) Die Tempusformen haben nicht nur eine zeitliche Bedeutung.
d) Soweit sie eine zeitliche Bedeutung haben, gilt diese aus der Sicht (und Gegenwart) des jeweiligen Sprechers (deixis); dies gilt (indirekt) auch für das zeitliche Verhältnis zweier in Sätzen benannter Ereignisse.
e) Zeitliche Verhältnisse können auch anders als durch das Tempus ausgerückt werden: durch Adverbien (morgen), durch Nomina mit Präposition (am Mittag), durch Adjektive oder Partizipien (im kommenden Jahr) und noch anders.

2. Hauptsätze
a) Das Präsens bezieht sich aus der Sicht des Sprechers auf ein Geschehen, das schon oder noch abläuft, und in diesem Sinn auf „Gegenwärtiges“ bzw. Nicht-Vergangenes. – Für die Feinheiten im Tempusgebrauch sollte man mehrere Grammatiken zu Rate ziehen.
* In der Duden-Grammatik (6. Aufl.) wird bei den Zeitstufen „der Unterschied zwischen Vergangenheit – Nichtvergangenheit“ als für das deutsche Tempussystem wesentlich herausgestellt, weil er für den Funktionsunterschied der beiden Haupttempora Präsens und Präteritum verantwortlich ist; denn auch Zukünftiges wird meistens durch Präsens mit Zeitangabe bezeichnet.
b) Das Präteritum wird (zum Erzählen und Berichten) gewählt, wenn ein Geschehen oder eine Handlung vergangen (und abgeschlossen) ist. Auch das Plusquamperfekt bezieht sich immer auf Vergangenes.
c) Das Perfekt bezeichnet gemäß seiner Bildung (Hilfsverb + Partizip II) den Vollzug oder Abschluss einer Handlung; das wird meistens von Vergangenem gesagt, aber auch in allgemein gültigen Aussagen oder für die Zukunft.
[Beim mündlichen Erzählen wird gerade im Norddeutschen oft das Perfekt statt des Präteritums verwendet.]
d) Das Futur I kann sich wie das Präsens auf Gegenwärtiges wie Zukünftiges beziehen; gerade dem Futur I kommt die modale Komponente „Vermutung“ zu, nach Heinz Vater ist diese sogar die eigentliche Bedeutung des Futur I.
e) Das Futur II braucht man, wenn man sagen will, dass der Abschluss einer Handlung noch bevorsteht oder wenn man vermutet, dass etwas abgeschlossen ist. Das Plusquamperfekt wird gebraucht, wenn in einer Erzählung (im Präteritum) von etwas bereits Abgeschlossenem berichtet wird.
f) Die möglichen Bedeutungen des Präsens nach W. Jung: Grammatik der deutschen Sprache (10. Aufl.):
* Es bezeichnet ausgesprochen gegenwärtiges Geschehen;
* es bezeichnet Vorgänge von Dauer;
* es bezeichnet die Allgemeingültigkeit;
* es bezeichnet in Verbindung mit Temporalangaben Zukünftiges;
* es bezeichnet in Verbindung mit Modalwörtern eine Vermutung;
* es drückt einen energischen Befehl aus (meistens 2. Person);
* es steht als historisches Präsens in Aussagen über Vergangenes.
g) Für den relativen Gebrauch (zeitlicher Bezug zweier Sätze) gelten die Grundregeln:
* Zum Ausdruck der Gleichzeitigkeit der beiden Geschehnisse steht in Teilsätzen das gleiche Tempus.
* Zum Ausdruck der Vorzeitigkeit steht das Perfekt neben Präsens und Futur I, das Plusquamperfekt neben dem Präteritum.
* Zum Ausdruck der Nachzeitigkeit können in den Teilsätzen gleiche oder unterschiedliche Tempusformen gewählt werden.
* Temporale Adverbien, Konjunktionen oder andere Zeitangaben verdeutlichen das Zeitverhältnis; deshalb gelten die genannten Regeln auch nicht ganz streng.

3. Merksatz
Ein Tempuswechsel in einem Text signalisiert etwas; beim Lesen sollte man auf Tempuswechsel achten und sie nicht nur notieren, sondern auch im Kontext zu verstehen suchen.

4. Zusatz
Neben dem Zeitbezug können Tempusformen auch einen Aspekt des Geschehnisses oder eine Aktionsart ausdrücken.
Die Aktionsart ist leichter zu verstehen: Spielart eines Geschehens im Blick auf die Art seiner inhaltlichen Modifizierung (iterativ = wiederholt, intensiv; kausativ = veranlassend, faktisch; inchoativ = anfangend).
Der Aspekt bezeichnet die Verlaufsweise eines Geschehens im Hinblick auf sein Verhältnis zum Zeitablauf:
a) duarativ/imperfektiv (länger andauernd: schlafen, essen);
b) perfektiv/punktuell (zeitliche Begrenzung: Beginn oder Abschluss eines Geschehens: einschlafen – ausessen).

5. Schlussbemerkung
Sagen wir es ruhig: Das Ganze ist ziemlich kompliziert; aber kann man eine geschichtliche Entwicklung von mehr als tausend Jahren in ein einfaches System pressen? Vater (Einführung in die Zeit-Linguistik, 1994, Anm. 17) berichtet, wie das heutige Futur I von Mönchen im Mittelalter erfunden wurde, um das lateinische Futur übersetzen zu können: Neben der heutigen Form („werden“ + Infinitiv) gab es damals noch andere Übersetzungsversuche, aber der uns bekannte Versuch hat sich schließlich durchgesetzt.

6. Ausgewählte Links (März 2017):
http://moodle.hft-leipzig.de/mod/page/view.php?id=426 (einfache Erklärung für Deutsch Lernende, mit fünf Übungen; zwei Konjugationstabellen, aber nur mit haben-Perfekt)
http://rainhk.eu/download/deutsch7/Zeitformen%20des%20Verbs%205%20-%209.pdf (9 Arbeitsblätter, mit Beispielsätzen und Texten)
http://www.grammatikdeutsch.de/html/zeiten-info.html (Konjugationstabellen, mit 12 Übungen - rein formal)
http://www.udoklinger.de/Deutsch/Grammatik/Aktiv-Passiv.htm (Konjugation „lieben“ und „waschen“ im Aktiv und Passiv)
http://mein-deutschbuch.de/tempus.html (die Bedeutung und ausführlich die Bildung der Tempusformen, Beispiele in Sätzen)
http://hypermedia.ids-mannheim.de/call/public/gruwi.ansicht?v_typ=o&v_id=4146 (umfangreiche Theorie des Tempussystems, geht von der Formbildung der deutschen Tempora aus und erklärt dann die Leistung der einzelnen Tempora:
http://home.uni-leipzig.de/doelling/veranstaltungen/semprag9.pdf (komplexe Theorie der „Temporalität“ und des Aspekts – plus Modalität, aber das interessiert uns jetzt nicht)
http://www.personal.uni-jena.de/~x1gape/Wort/Wort_Verb_Tempus.pdf (das Tempus-Modus-System im Deutschen, komplex, gut verständlich für Lehrer)

http://www.klassenarbeiten.de/klassenarbeiten/klasse5/deutsch/klassenarbeit52_grammatik.htm (Klassenarbeit Kl. 5, rein formal, mit starken Verben – würde ich so nicht stellen)

Mittwoch, 1. Februar 2017

Verbform „worden“

Nach 40 Jahren als Deutschlehrer habe ich heute erstmals über die Verbform worden nachgedacht: 'Ich bin von einem Hind gebissen worden.'
Klar, worden kommt von werden", aber Partizip II zu werden ist geworden - oder!? Nach einigem Forschen bin ich dann dahintergekommen, dass geworden das Partizip des normalen Verbs werden ist, worden dagegen das Partizip II des Hilfsverbs werden. Aber wieso die Formen sich unterscheiden, ist mir nirgendwo erklärt worden.

In Weigand, Deutsches Wörterbuch II 2, 1871, findet sich unter „werden“ folgender Hinweis: „Das Part. des Prät. lautet eigentlich worden, aber schon früh-nhd. drang geworden ein. (...) Später schieden sich worden und geworden so, daß dieses concret und jenes abstract genommen, also als Participium des Hilfsverbs steht...“ Dem widersprechen noch Campe: Wörterbuch der deutschen Sprache, 1811, und Adelung, 2. Auflage: wenn das Participium von werden das Hülfswort ist, so ist es alle Mahl mit einem andern Participio Präteriti verbunden, welches bereits sein Augment hat, daher geworden das seinige, um des Wohlklanges Willen, verlieret; ich bin geliebt worden, für geliebt geworden.
Sanders: Wörterbuch der Deutschen Sprache, II 2, 1876, stimmt wieder mit Weigand überein: „Doch findet sich in der älteren Sprache gewöhnlich worden für das heutige geworden und so z.B. noch a) bei Eigenschaftswörtern und Adverbien: bin worden alt und grau (Chamisso)... b) mit prädikativem Hauptwort...“ 

Dienstag, 31. Januar 2017

Nicht immer nur googeln...


Nicht immer nur googeln...

Tipps von KollegInnen für KollegInnen
- Christian Mantsch
- Ulrike Hemmert
- Eva-Susanne Graffmann
- Renate Kuffart
- Jürgen Spitzlay

Folien des Sammelvortrags vom 18. März 2014 - 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Kirchlichen Hochschulbibliotheken (AGKH) in Bamberg