Mittwoch, 28. August 2019

Der eine fragt... Kleiner Lesekurs für Alphabeten

In der von Theodor Hertel besorgten Ausgabe von Storms Werken findet man unter „Sprüche“1 zwei kurze Gedichte, die nach der Datierung durch den Herausgeber im Juli 1858 verfasst worden sind. Deren erstes lautet:
Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andere fragt nur: Ist es recht?
Und also unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.
Das Verständnis des Sinnspruchs ist umstritten; deshalb wollen wir ihn methodisch exakt lesen, um seinen Sinn jenseits bloßer Vermutungen zu ermitteln. Zugleich sind diese Überlegungen eine Anleitung, einen Text bewusst zu lesen, statt sich auf bloße Assoziationen zu einzelnen Wörtern zu verlassen.
Es ist von zwei Fragen bzw. Fragenden die Rede. Unbestimmt ist zunächst, wann sie wen fragen. Aufgrund ihrer Fragen füllen wir diese erste Leerstelle so: Sie fragen sich selbst, ehe sie etwas tun, was jenseits alltäglicher Routine liegt, weshalb man nachdenkt, wie man handeln soll.
Die Frage „Was kommt danach?“ zielt auf die Folgen der Handlung; sie weist eine weitere Leerstelle auf: Was kommt danach [für mich, oder: überhaupt]? Wie man diese Leerstelle füllt, entscheidet über das Verständnis des Spruchs; wählt man „für mich“, hat man die Frage eines Opportunisten vor sich, der nur auf seinen Vorteil bedacht ist; wählt man „überhaupt“, hört man die Frage eines Menschen, den man im Sinn Max Webers als Verantwortungsethiker bezeichnen könnte, weil er die Folgen seines Handelns für andere bedenkt. Welches die richtige Wahl ist, kann man bis jetzt noch nicht entscheiden.
Die zweite Frage „Ist es recht?“ wird oft missverstanden, weil Leser nicht zwischen dem Substantiv „Recht“ und dem Adjektiv „recht“ unterscheiden. Das Adjektiv „recht“ bedeutet „gerade; richtig; angemessen“2. Etwas differenzierter steht in Hermann Pauls Wörterbuch: 1) Grundbedeutung „gerade“; 2) richtig (Gegensatz: unrecht und falsch); 3) speziell ist recht, was den Gesetzen oder Geboten der Sittlichkeit entspricht (Gegensatz „unrecht“, nicht „falsch“); es folgen vier weitere Bedeutungen.3 Wir haben auf Wörterbücher zurückgegriffen, die den Sprachgebrauch Theodor Storms erfassen, da sie wenige Jahrzehnte nach 1858 erschienen sind; gerade die dritte bei Paul genannte Bedeutung von „recht“ kommt hier in Frage – Maßstab des Handelns sind dem Fragenden die Gebote der Sittlichkeit (und nicht die Gesetze des Staates, also das Recht).
Um die Leerstelle in der ersten Frage zu füllen, müssen wir den Kontext dieser Frage beachten, d.h. die Sätze als Text lesen; sie stellt nämlich das Gegenteil der zweiten Frage dar, was sich einmal aus der einschränkenden Partikel „nur“ ergibt, vor allem aber aus dem Gegensatz „der Freie / der Knecht“, denen die beiden Fragen zugeordnet werden – welche die des Freien ist, werden wir später untersuchen. Wenn wir also die beiden Fragen als Gegensätze auffassen müssen, können wir sie so umschreiben: „Egal, was recht ist – was kommt danach“ und „Was ist recht – egal, was danach kommt?“ Weil im Gedicht nur von zwei einzelnen Menschen die Rede ist, wird man die erste Frage so verstehen dürfen: „Was kommt für mich danach, was kommt für mich dabei heraus – egal, was recht ist?“
Auch der erweiterte Kontext des Gedichtes spricht für dieses Verständnis. Ich berufe mich auf ein anderes Gedicht Storms, das er im Oktober 1854 verfasst hat, „Für meine Söhne“. Dort heißt es in der ersten Strophe:
Hehle nimmer mit der Wahrheit!
Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue;
das ist, auf einen besonderen Fall angewandt, die Mahnung, recht zu handeln, ohne auf die Folgen zu achten. Dass der eigene Vorteil nicht der richtige Maßstab des Handelns ist, sagt Storm auch in den beiden letzten Strophen des gleichen Gedichts:
hüte deine Seele
vor dem Karrieremachen und
Halte fest: du hast vom Leben
Doch am Ende nur dich selber.
Das alles sind Lebensregeln im Sinn des Sprichwortes „Tue recht und scheue niemand.“ Dieses Sprichwort gehört zum noch einmal erweiterten Kontext des Gedichts, das zu einem breiten Strom europäischer Ethik und Lebensweisheit gehört, aus dem Sokrates4, Jesus und andere herausragen.
So bleibt als letzte Frage die, wer von den beiden der Freie und wer der Knecht ist. „Knecht:“ bedeutet5 ursprünglich Knabe, Knappe; später steht es im Gegensatz zu „Herr“, wird dann durch „Diener“ verdrängt, ist aber in der Landwirtschaft noch üblich. Anderseits bedeutet „Knecht“ seit alters auch „Unfreier“, leibeigener Knecht, bildlich etwa „der Sünde Knecht“ und dergleichen. Das Wörterbuch und der Gegensatz zu „Freier“ legen nahe, hier ebenfalls die negative metaphorische Bedeutung anzunehmen.
Wir haben also einen doppelten Gegensatz vor uns, dessen Paare durch „also“ (= „so“) einander als gleichartig zugeordnet werden:
der eine: danach? - der andere: recht?
der Freie                  - der Knecht
Rhetorisch könnte man die Zuordnung als Parallelismus lesen, dann wäre der eine der Freie und der andere der Knecht; man kann das Verhältnis der Paare aber auch als Chiasmus6 ansehen, dann ist der eine der Knecht und der andere der Freie.
Die Rhetorik lässt also beide Lesarten zu, so dass man vom Sinn her entscheiden muss, wer der Freie ist: Ist es derjenige, der nach den Maßstäben des Sittengesetzes handelt, oder ist es derjenige, der die Folgen seines Handelns kalkuliert? Kein Zweifel, der andere ist der Freie; der eine ist ein Knecht seines Gewinnstrebens, dem ethische Maßstäbe gleichgültig sind. Wessen Knecht wäre auch derjenige, der sich am Sittengesetz orientiert und dabei Nachteile, vielleicht sogar den Verlust des Lebens wie Sokrates riskiert?
Zweifellos stellt das Gedicht eine Mahnung dar, wie ein Freier statt als Knecht zu leben. Diese Mahnung steht in der großen Tradition europäischer Lebensweisheit: Sie besagt, dass man als Mensch erst frei wird, wenn man sich von der animalischen Sorge um den eigenen Vorteil (Was ist gut für mich?) befreit, den Blick weitet und sich fragt: Was ist richtig? Was ist gut für alle Menschen?
Diese Lesart kann nicht ernsthaft bezweifelt werden, wenn man die methodischen Schritte bedenkt, mit denen wir sie gefunden haben. Solches methodisch kontrollierte Lesen muss geübt werden – wir haben dazu diese Übung angestellt, in der ich reale Verständnisschwierigkeiten aufgegriffen habe (vgl. die Ergebnisse der Suche im Netz unter „Storm: Der eine fragt“!).

Methodisches Fazit:
Wir haben auf den Ebenen der Wörter, der Sätze und des Textes operiert. Um die Bedeutung der Wörter zu ermitteln, haben wir auf Wörterbücher und die grammatischen Kategorieren Adjektiv/Substantiv zurückgegriffen.
Um die Bedeutung der Sätze zu ermitteln, haben wir Leerstellen aufgespürt und gefüllt, außerdem den Zusammenhang der Sätze als Text beachtet. Dabei haben wir auf die Rhetorik zurückgegriffen.
Sinn gibt es auf der Ebene des Satzes, vor allem jedoch des Textes. Um den exakt zu bestimmen, haben wir den Text in seiner Struktur beschrieben und in einen Kontext gestellt – hier in den eines anderen Gedichtes des Autors und in die europäische Tradition der Gattung Sinnsprüche und Lebenslehren.
Zum Kontext gehört auch die Situation, in der ein Text geäußert wird; dazu konnten wir in diesem Fall nichts sagen; die literarische Gattung der Sinnsprüche musste ausreichen, um das sprachliche Handeln der Sprechers zu bestimmen.


1   Storms Werke. Herausgegeben von Theodor Hertel. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe. Erster Band. Leipzig und Wien o.J. (Vorwort datiert: Dezember 1918), S. 92
2   Moriz Heyne: Deutsches Wörterbuch, Dritter Band 1895, s.v. „recht“; alte Wörterbücher finden Sie in meinem Blog https://norberto42.wordpress.com aufgelistet und verlinkt.
3   Deutsches Wörterbuch von Hermann Paul, 1897 
4   Apologie 28 b. Die großen Lehrer stellen sich damit gegen die gängige menschliche Praxis: Angesichts der Bestrafung von Klagen „ist es sehr begreiflich, daß die Sclaven, wenn sie hinsichtlich ihrer Lage und des Charakters ihres Herrn befragt werden, fast ohne Ausnahme erwiedern: sie seien zufrieden und hätten einen guten Herrn. (…) Sie verhehlen die Wahrheit lieber, ehe sie die Consequenzen auf sich nehmen, welche aus dem Aussprechen derselben erwachsen können, und geben sich darin als ächte Mitglieder der menschlichen Gesellschaft kund.“ (Frederick Douglass: Sklaverei und Freiheit. Autobiographie, 1860, S. 86)
5   Deutsches Wörterbuch von Hermann Paul, 1897; vgl. das Zitat in der vorhergehenden Fußnote!
6   Von Chiasmus spricht man, wenn parallele Sätze kreuzweise entgegengesetzt (also in der Fom des griechischen Buchstabens Chi, etwa X) angeordnet sind; der Chiasmus dient vor allem dem Hervorheben von Gegensätzen. Beispiel: „Die Welt ist groß, klein der Verstand.“

Montag, 15. Juli 2019

Grundproblem der Didaktik


Man sieht (...), wie gern die Menschen ihren Zweck nur auf eigene Weise erreichen möchten, wie viel Not man hat, ihnen begreiflich zu machen, was sich eigentlich von selbst versteht, und wie schwer es ist, denjenigen, der etwas zu leisten wünscht, zur Erkenntnis der ersten Bedingungen zu bringen, unter denen sein Vorhaben allein möglich wird.
http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3Atext%3A1999.01.0171%3Atext%3DSoph. 

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Montag, 8. Juli 2019

Warum Rezensionen meistens nichts taugen

Oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein in der SZ angepriesenes Buch mich total enttäuscht hat, dass ich mich zum Lesen zwingen musste und trotzdem nicht über Seite 40 hinausgekommen bin. Jetzt habe ich bei Schlegel eine Erklärung dafür gefunden:

Wenn wir nur recht viel klassische Leser hätten: einige klassische Schriftsteller, glaube ich, fänden sich noch wohl. Sie lesen viel und vieles; aber wie und was? Wie viele gibt es denn wohl, welche, nachdem der Reitz der Neuheit ganz vorüber ist, zu einer Schrift, die es verdient, immer von Neuem zurückkehren können; nicht um die Zeit zu tödten, noch um Kenntnisse von dieser oder jener Sache zu erwerben, sondern um sich den Eindruck durch die Wiederholung schärfer zu bestimmen und um sich das Beste ganz anzueignen? So lange es daran fehlt, muß ein reifes Urtheil über die geschriebenen Kunstwerke unter die seltensten Seltenheiten gehören.“ Schlegel (in: Akkorde Deutscher Classiker über Philosophie des Lebens, Carlsruhe 1818, S. 129 = § 261, http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2006/3129/pdf/AkkordeClassikerPhilo-1818.pdf)

Montag, 1. Juli 2019

Die Bedeutung des Wortes

Das ist der Titel eines klugen Buches von Karl Otto Erdmann (Leipzig 1900), das leicht verständlich erklärt, was es mit der Bedeutung der Wörter auf sich hat (https://archive.org/details/diebedeutungdesw00erdm/page/114); leider muss man die Frakturschrift lesen können, um sich das Buch einzuverleiben - aber vielleicht wäre hier auch ein Anlass, die Fraktur lesen zu lernen? So schwer ist es nicht, nach drei, vier Seiten Buchstabieren sollte man es eigentlich können.
Auf der verlinkten Seite beginnt Erdmann, die Problematik des Gebrauchs von Fremdwörtern zu diskutieren.

Dienstag, 4. Juni 2019

"Eulenäugige" Fehler der Lehrer

Ich habe vor ein paar Tagen angefangen, die Odyssee zu lesen, und zwar in der Übersetzung von Robert Hampe. Dabei ist mir sogleich aufgefallen, dass Athene „die Göttin mit strahlenden Augen“ ist. Das erinnert mich an unsere hilflose wörtliche Übersetzung von glaukopis: „eulenäugig“. Wie kann eine Göttin mit Eulenaugen schön sein, haben wir vor 60 Jahren gedacht, vermutlich aber nicht zu fragen gewagt – die Übersetzung war ja „richtig“.
Nein, sie war nicht richtig, wie ich seit ein paar Tagen weiß: Mit „eulenäugig“ sind vermutlich große Augen gemeint, und große Augen machen Frauen und Mädchen schön. Das hätte unser Griechischlehrer als Mann wissen können, vielleicht wusste er es auch; aber er hat es uns nicht erklärt, vielleicht schickte sich das damals angeblich nicht, wer weiß, oder er hat sich einfach nichts angesichts einer "richtigen" Übersetzung gedacht. [Der Fairness halber sei gesagt, dass nach Gemolls Schul- und Handwörterbuch (9. Aufl.) glaukopis eher von glaukos: glanz-, strahlenäugig abzuleiten ist; dem folgt auch Hampes Übersetzung.]
Dieser Fehler unseres Griechischlehrers veranlasst mich, weitere Fehler unserer Lehrer am Gymnasium zu benennen – die menschlichen Flegeleien und Unverschämtheiten, die sie sich herausgenommen haben, sollen hier nicht ausgebreitet werden, sondern methodische Fehler, welche auch heute Kollegen unterlaufen könnten.
Dazu fällt mir unser Lateinlehrer Karl Möller ein. „Gallia est omnis divisa in partes tres…“, so beginnt Caesars De bello gallico. Wie übersetzt man „omnis“ am besten? Wir haben alles probiert, „das ganze Gallien“, „Gallien insgesamt“, alles passte ihm nicht, bis er nach einer Viertelstunde Raten uns die „richtige“ Übersetzung vorsagte: „Gallien in seiner Gesamtheit“. Diese Wendung lag außerhalb unseres Sprachgebrauchs, und sie ist auch nicht besser als andere Übersetzungen; aber Herr Möller kannte sie (irgendwoher) und fand sie die einzig angemessene, und deshalb hatten wir sie auch zu finden.
Noch viel schlimmer war, dass er, als er uns in Klasse 8 übernahm, uns auftrug, eine feste Kladde zu besorgen, die wir immer bei uns zu führen hatten und in die er bei Bedarf einzelne Abschnitte aus der lateinischen Grammatik diktierte. Dabei besaßen wir alle eine in der Schule als Lehrbuch eingeführte Grammatik; aber darin stehe nur „zeilenfüllender Mist“, befand Herr Möller, deshalb diktierte er uns die „richtige“ Grammatik, wie es ihm im Augenblick einfiel. Selbst wenn unsere Grammatik nicht gut gewesen wäre, hätte er das mit uns im Einzelfall erarbeiten können, ja müssen; jedenfalls hätte er uns beibringen sollen, wie man mit einer Grammatik arbeitet – das habe ich in neun Jahren am Kreisgymnasium Heinsberg nicht gelernt; ich habe es aber meinen Schülern am FMG beizubringen versucht, indem wir den Schülerduden Grammatik als Lehrbuch in Kl. 5-7 benutzt haben (vergeblich habe ich versucht, meine Deutschkollegen für diese Idee zu begeistern). Und wenn wir einen Fehler oder eine Unsauberkeit gefunden haben, wurde das Problem in der Klasse besprochen; dann haben wir (resp. ich) an die Redaktion des Schülerdudens geschrieben, und deren Antwort wurde in der Klasse ans Schwarze Brett geheftet.
Wenn mir noch weitere Klopse einfallen...

Freitag, 12. April 2019

Qualität von Wikipedia-Artikeln überprüfen


Dass es Wikipedia gibt, ist oft hilfreich; die Qualität des Artikel wird jedoch gelegentlich in Zweifel gezogen, da jeder schreiben könne, was er wolle – ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein kann, Fehler in der Wikipedia zu berichtigen.
Es gibt nun eine Seite, auf der man die Qualität von Wikipedia-Artikeln überprüfen kann (nicht inhaltlich, sondern statistisch nach Merkmalen des Bearbeitens): http://www.wikibu.ch/index.php. Also ganz einfach mal reinschauen!

Montag, 14. Januar 2019

das Lernen lernen - ein alter Hut!


Was man in der Schule lernt, ist doch natürlich nur wenig, nur ein geringer Teil dessen, was man für eine fruchtbare Wirksamkeit im leben zu lernen hat.Es kommt daher besonders darauf an, daß das in der Schule Gelehrte, was es auch sein mag, in einer Weise glehrt werde, die bei dem lernenden Schüler die Lust des Lernens weckt und anregt und ihn in den Stand setzt, die Mittel des selbständigen Weiterlernens, soweit sie ihm erreichbar sind, leicht zu finden und mit Geschick und Erfolg zu benutzen, mit einem Wort, daß der Schüler in der Schule das Lernen lernt.“
Dieser kleine Auszug aus den Lebenserinnerungen von Carl Schurz, 1. Band, 1906, S. 53 f. (https://archive.org/details/lebenserinnerung11schu/page/52) zeigt, wie „alt“ manches ist, das uns als neu verkauft wurde. - Ich empfehle, die ganze Passage S. 53 – 59 und S. 67 ff. zu lesen, vielleicht sogar das ganze dritte Kapitel (S. 52 ff.).

Mittwoch, 9. Januar 2019

Autobiografie des hl. Rocks zu Trier - eine literarische Form


Die Selbstbiografie des heiligen Rocks zu Trier (https://archive.org/details/bub_gb_YhIDAAAAcAAJ/page/n3, durch Klicken auf die Seiten umblättern, unten rechts das Bild vergrößern) ist eine kleine Köstlichkeit – soll hier aber nur genannt werden, um auf eine Möglichkeit des Schreibens im Deutsch- bzw. Literaturunterricht hinzuweisen.
Das Schriftchen ist 1845 im Anschluss an die Polemik geschrieben worden, die der katholische Priester Johannes Ronge durch seinen offenen Brief an den Bischof von Trier 1844 losgetreten hat; in diesem Brief (https://archive.org/details/bub_gb_C75DAAAAYAAJ/page/n19 ) hat Ronge gegen die Wallfahrt zum heiligen Rock in Trier gewettert. Später wurde Ronge übrigens exkommuniziert und hat dann seinen eigenen Verein aufgemacht, aber das gehört nicht hierhin.

Donnerstag, 6. Dezember 2018

„Ein schöner Fehler“ - Fehlerkultur in der Schule?

Wenn ich im Unterricht gelegentlich zu einem Schülerbeitrag „ein schöner Fehler“ gesagt habe, haben die Schüler meistens gelacht, weil sie das als ironischen Kommentar verstanden haben. Es war aber immer ernst gemeint:
Ein schöner Fehler ist ein Fehler, bei dem der Lehrer sieht, dass ein Schüler nachgedacht, aber an einer Stelle einen falschen Weg eingeschlagen hat, woran man der Klasse erklären oder mit der Klasse erarbeiten kann, wieso dieser Weg nicht zu einer richtigen Lösung führt. Ein schöner Fehler ist also ein Beitrag zum Verständnis eines Problems, ein wichtiger Beitrag zum Unterricht, weshalb ich einen schönen Fehler oft mit einer 2 benotet habe (es wäre sogar die 1 zu erwägen) – dabei habe ich selten einzelne Beiträge mit einer Note in meinem Büchlein bewertet (in jedem Fall die, in denen mich ein Schüler korrigieren konnte).
Allgemeiner gesprochen: 1. In der Schule muss eine Fehlerkultur eingerichtet werden – die Schüler müssen ermutigt werden, auf eigenen Wegen die Lösung der Probleme zu versuchen, auch wenn dabei „Fehler“ auftreten. 2. Es muss deutlich unterschieden werden zwischen einer Phase, in der man Fehler machen darf, und der Phase (speziell in Klassenarbeit oder Klausur), in der die Fehler tunlichst zu vermeiden sind. 3. Den Schülern muss der Unterschied dieser beiden Phasen und ihre Dauer resp. ihr Beginn deutlich gemacht werden – deutlicher jedenfalls, als ich das getan habe (andernfalls hätten Schüler nicht über meine Bemerkung „ein schöner Fehler“ gelacht). 4. In diesem Zusammenhang ist natürlich klar, dass ein Lehrer Schülerbeiträge nicht (nur) nach richtig und falsch sortieren darf, sondern dass er vor allem „geratene“ Lösungen von gedachten unterscheidet, also versucht zu verstehen, auf welchen Wegen Schülerbeiträge zustande gekommen sind. 5. Damit ist jede Rechthaberei – sowohl der Schüler wie des Lehrers – aus der Schule zu verbannen; jeder kann Fehler machen, und was ein Fehler ist, wird nicht durch „meine Meinung“, sondern allein durch sachliche Argumente entschieden.


Nicht vor Irrtum zu bewahren, ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glücks, aber wer ihn ganz erschöpft, der muß ihn kennen lernen, wenn er nicht wahnsinnig ist.“
(Der Landgeistliche zu Wilhelm, in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, siebentes Buch, 9. Kapitel)

Donnerstag, 18. Oktober 2018

Bespitzelung von Lehrern


Eine der entscheidenden Grundlagen für einen guten, lebendigen Unterricht ist bekanntlich eine charismatisch auftretende Lehrerpersönlichkeit. Eine solche Persönlichkeit muss für die Schüler menschlich erfahrbar sein. Dazu gehört selbstverständlich, dass er seine eigenen Überzeugungen und Werte vertritt und mit den Schülern darüber in ein anregendes Gespräch kommt.
Ein verstockter Geschichts- oder Deutschlehrer, eine Person ohne Eigenschaften, die nur nichts falsch machen will, ist da wenig hilfreich. Ein guter Lehrer und eine gute Schule können in wichtigen Fragen nicht neutral sein – und schon gar nicht, wenn es darum geht, sich für Menschenrechte, Demokratie und Teilhabe einzusetzen. Genau diese selbstbewusste, bestenfalls vorbildliche Lehrerpersönlichkeit stellt das AfD-Portal unterschwellig in Frage.
(Martin Klesmann: Ein perfider Schrei nach Aufmerksamkeit. Kommentar zum AfD-Lehrer-Meldeportal. Berliner Zeitung 17. 10. 2018, online https://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/kommentar-zum-afd-lehrer-meldeportal-ein-perfider-schrei-nach-aufmerksamkeit-31450648)
Ein ausgezeichneter Kommentar von Martin Klesmann, der mich an die Zeit erinnert, als ich 1982 in Giesenkirchen am FMG anfing und einige Eltern einen direkten Draht zum Schulleiter hatten (Herr F., Herr M., Frau Sch.) – einzig zum Zweck, ihr verkorkstes Weltbild zu retten (die Herren) und sich selbst in Szene zu setzen (Frau Sch. - Frau K. nicht zu vergessen, die Probleme mit dem Thema "Liebe" hatte und später mit einem jungen Kerl durchbrannte), und die dabei auf sehr offene Ohren trafen. Es war für mich in dieser Hinsicht eine schreckliche Zeit.