Montag, 16. November 2009

Leserbrief an die SZ - ein Beispiel

Sehr geehrter Herr Urban,
zu Ihrem Artikel „Der Außenseiter Vernunft“ (SZ 13. November 2009, S. 13) möchte ich einige kritische Anmerkungen machen – nicht um die Kirchen zu verteidigen, sondern um die Frontlinie klarer zu bestimmen:
1. Sie setzen bei dem Grundsatz an, dass man zwar die religiösen Gefühle nicht verletzen dürfe, wogegen man die Vernunft anscheinend ungestraft beleidigen dürfe. Das ist eine verkürzende Redeweise und insofern leicht missverständlich: Gefühle sind die Gefühle von Menschen; man darf die Menschen nicht verletzten. Vernunft ist die Vernunft von Menschen; man darf aber auch vernünftige Menschen nicht beleidigen – die Vernunft (allein) kann man nicht beleidigen.
     Indem man Unsinn redet, beleidigt man vernünftige Menschen noch nicht; das ist ihnen nur ein Anlass zum Lächeln. Man beleidigt sie, wenn man ihre Lehrfreiheit beschränkt oder sie zwingen will (bzw. zwingt), Dinge zu lehren oder zu verkünden, die sie für falsch halten, oder indem man ihnen die Druckerlaubnis verweigert usw. Das wird dann spannend, wenn die bürgerliche Existenz vernünftiger Menschen an dieser Kontrolle (Zensur) des Lehrens und Verkündens hängt: Sind jene genötigt, um der Brötchen willen ihre Überzeugung zu verleugnen? Berühmtes Beispiel der Vergangenheit: Franz Overbeck, Mitte des 20. Jahrhunderts F.J. Schierse usw.
2. Was Sie zu Albert Schweitzer schreiben, ist sachlich fragwürdig: Albert Schweitzers große theologische Leistung war sein Buch über die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, wo sich allerdings die „vernünftigen“ Theologen blamiert sehen sollten: Jeder hatte den Jesus konstruiert, der ihm passte. Dass Schweitzer sich an der Trinität gestoßen oder diese umgestoßen hätte, ist mir neu – wo finden Sie das? Dass er nicht Missionar werden durfte und deshalb Arzt wurde, ist eine Mär; in seiner Autobiografie steht das ganz anders (Aus meinem Leben und Denken, 1954, S. 71 f.): ein bewusster Entschluss des vom Glück verwöhnten jungen Mannes, ab 30 sein Leben dem einfachen Dienst an Unglücklichen zu weihen.
3. Das Problem liegt meines Erachtens tiefer, als Sie sehen: Das Problem liegt darin, dass Jesus die Ankunft der Gottesherrschaft verkündete, dass aber stattdessen die Kirche kam (so Alfred Loisy). Die frühen Christen haben noch ziemlich enthusiastisch in der Naherwartung gelebt (1 Thess 4,13 ff.); aber als der Herr partout nicht kommen wollte, musste man den ganzen Betrieb auf Amt, Kanon (Bibel), Kult, reine Lehre sowie (mehr oder weniger) strenge Moral – kurz: auf die Kirche umstellen, wie wir sie im Prinzip kennen. Die reine Lehre mitsamt der Moral wird konsequent von Amtsinhabern überwacht und an einem Kanon gemessen – deuten kann man dann vieles, aber die Deutung wird amtlich kontrolliert.
     Das Grundproblem der Kirche ist dies, dass der Herr nicht kommt und dass sich der Enthusiasmus der Erwartung nicht organisieren (institutionalisieren) lässt, dass die Kirche jedoch notgedrungen Institution wird, um ihren Bestand zu sichern, und dabei inspirierte Außenseiter gelegentlich als Vorbilder preist, aber nicht wirklich brauchen kann (Ordensgründungen im 13. Jh.!). Das geht so weit, dass in Dostojewskijs großer Parabel (Die Brüder Karamasow) der Großinquisitor den Herrn, der wiederkommt, verhaften lässt, weil er den Betrieb der Kirche stört und weil die schwachen Menschen mit der Freiheit der Kinder Gottes nichts anfangen können. – So ist es und nicht anders: Die Freiheit der Kinder Gottes einschließlich der parrhesia stört den Betrieb; es ist weniger die Vernunft als die Freiheit der große Störfaktor. Die Gewissen müssen kontrolliert werden, dann kann man die Leute ruhig „denken“ lassen.
4. Ich halte es nicht für möglich, die Kirche(n) zu ändern; man muss seine Konsequenzen aus seiner Einsicht in die Kirche ziehen: Das ist das große Gebot der Vernunft. Danach kann einen nichts mehr neu beleidigen, wenn die alten Verletzungen vernarbt sind. 


Mit freundlichen Grüßen,
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