Samstag, 7. November 2009

Leserbrief zum Sarrazin-Streit: ein Beispiel

In dem langen Streit um Sarrazins laute Schelte hat Stephan Speicher in der SZ am 24./25. Oktober 2009 einen Artikel ("Ungewaschene Helden") geschrieben, in dem er sich kritisch über Sarrazin (und Peter Sloterdijk, der S. verteidigt hat), äußert. Dazu habe ich heute einen Leserbrief an die SZ geschrieben, der hier  als Beispiel dafür, wie man einen Leserbrief  schreibt, veröffentlicht wird:

Sehr geehrter Herr Speicher,


in Ihrem Aufsatz haben Sie mächtig auf Sarrazin und Sloterdijk eingedroschen. Dass Sie den Umweg über Mill nehmen, nachdem Sie gleich die Einstellung "konservativ" abqualifiziert haben, lasse ich jetzt einmal außen vor. Es geht mir um zwei Überlegungen oder Argumente am Ende des Aufsatzes.  
Da wird auf eine Studie des Berlin-Instituts verwiesen, um darauf gestützt zu deklarieren: "Zu glauben, Sarrazin spreche aus, was sonst verheimlicht werde, ist einfach falsch." Was hier falsch ist, ist Ihre Logik: Sarrazin spricht laut aus, was sonst nicht laut im öffentlichen Raum gesagt wird, weil es sich "nicht schickt". Sarrazin hat ja nicht beansprucht, eine neue Studie vorzulegen, sondern eine unangenehme Wahrheit laut zu melden; insofern geht Ihr Angriff hier ins Leere - es wäre zu prüfen, ob Sarrazin Recht hat, nicht mehr und nicht weniger.  
Das gilt auch für den zweiten Punkt: Sie mokieren sich darüber, dass Sarrazin gesagt hat, manche Leute "produzieren" Kinder. Nun ist das Schlimme, dass es so etwas wirklich gibt; vor rund 30 jahren hatte ich am Stadtrand von Mönchengladbach die Gelegenheit, in Randmilieus hineinzukommen. Da habe ich zwei Familien getroffen, wo die Eltern wirklich Kinder produzierten. Der eine Vater war fortwährend "krank" und arbeitslos, was sollte er den ganzen Tag schon machen? Und das andere Elternpaar hatte schon für die damals "berühmten" St. Pauli-Nachrichten posiert; die hatten auch Kinder produziert, wo es dann unter Geschwistern zu sexuellen Übergriffen kam ... Das Schlimme ist nicht das Wort, auch wenn es unschön ist - das Schlimme ist die Tatsache, dass es so etwas gibt!  
Wenn man hierzu etwas sagen will, müsste man prüfen, ob es solche prekären Verhältnisse gibt, wo Kinder produziert werden, und ob das in den von Sarrazin benannten Milieus der Fall ist. Aber sich über das bloße Wort zu erregen, ist Ausdruck jener heuchlerischen p.c., die einen inzwischen so anekelt, dass man zu Sarrazin sagt und denkt: "Na, endlich sagt mal einer, was Sache ist."  
Das alles gilt zum Beispiel auch für das, was Abvraham Burg über die israelische Politik gesagt hat (am gleichen Tag in der gleichen Zeitung): Weil er Jude ist, durfte er das sagen; hätte ich das Gleiche gesagt, schon wäre es "Antisemitismus" und Verharmlosung des holocaust gewesen.  
Der Zentralrat der Juden hat sich ja auch laut über Sarrazin beschwert - aber sie müssen nicht meinen, ein einziger aus dem Zentralrat schickte seine Kinder oder seine Enkel in eine Grundschule in den Wedding! Und genau das ist das Verlogene: Laut gegen Sarrazin schimpfen, aber in der Praxis so handeln, als ob er Recht hätte.  


Mit freundlichen Grüßen, Norbert Tholen

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