Sonntag, 6. Dezember 2009

M. T. Krosch: Liebeslyrik in Barock, Romantik und Moderne (Königs Abi-Trainer, 2009)

Gutachten:
1. Dieses Buch ist nur eingeschränkt imstande, Schüler auf das Abitur vorzubereiten:
Die Vorbereitung der Schüler auf die Anforderungen der Probeklausuren lässt zu wünschen übrig;
a) denn es werden zwar die drei Epochen vorgestellt (S. 7 ff.),
b) aber die „Themenschwerpunkte“ sind eine bloße Sammlung von Begriffen und Wörtern (S. 30 ff.), also weithin nutzlos,
c) und in den sogenannten „Tonarten“ (S. 32 ff.) werden Sprechweisen und Stimmungen vermengt (wobei die Sehnsucht fehlt!);
d) formale Elemente (Stilmittel, Strophenformen usw.) werden gelegentlich einzeln eingestreut,
e) Einführungen in die Analyse von Sachten und in die Gedichtanalyse gibt es immerhin, aber nur in Form einer Tabelle und damit die Schüler überfordernd. Was nicht mindestens an einem Beispiel eingeführt worden ist, bleibt unanschaulich und wird letztlich nicht verstanden;
f) es fehlt eine Darstellung der Liebe und Liebesprobleme – die zu geben ist freilich eine anspruchsvolle Aufgabe.

2. Ein Beispiel: Barock
- Diesseitsverdammung und Jenseitsverherrlichung sind keine Kontraste (S. 9).
- Was soll die Kurzdarstellung von Drama und Roman leisten? (zu S. 11) Da würde man besser geistliche und weltliche Lyrik am Beispiel erklären!
- „Die barocke Lyrik unterscheidet man ...“ (S. 16): Gr- oder W-Fehler
- Zur Erinnerung (S. 12): Zusätzlich zu den im Text genannten Fachbegriffen findet man Alexandriner, Personifikation und „insistierende Nennung“ – wozu?
- Und wer soll diese Erklärungen hier wieder finden, wenn es kein Register am Schluss gibt?
- Und warum werden die Fachbegriffe nicht umfassend eingeführt?
- Bedeutende Autoren (S. 13): nichts sagend; Fleming hat sehr gute andere Gedichte verfasst (An sich; Gedanken über der Zeit).
- Was soll für Schüler die Angabe der Quellen (S. 13 f.)? Unter denen gibt es zwei bis drei fachlich relevante Titel, eine Reklame für Bange, Apokryphes und eine inzwischen stillgelegte online-Quelle.

3. Beispiele für Liebesgedichte des Barock (S. 14)
- Von den 19 genannten Titeln gibt es nur 2 im großen Conrady, 6 der genannten Autoren stehen nicht einmal mit ihrem Namen im Conrady; dafür hat Conrady z.B. J. H. Schein, G. R. Weckherlin, Ph. von Zesen, Q. Kuhlmann.
Angelus Silesius ist niemand anders als J. Scheffler, das sind nicht zwei Autoren!
- Selbst über google findet man 5 der genannten 19 Titel nicht: Was ist das für eine apokryphe Sammlung!?
- Es gibt eine Reihe von Fehlern:
 Lieb’ > Liebe (Schwarz)
 Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder (A. Silesius: falscher Titel, keine Liebesgedichte!)
 Laurette > Laurrette (Hoffmannswaldau)
 umsonst > ummsonst (Fleming); der Titel heißt übrigens „An Elsabe“, ist also falsch;
- Das Gedicht Lohensteins ist nur unter „Das Herz“ zu finden, Schwieger ist außerordentlich schwer zu finden, aber immerhin.
Fazit: Was soll eine solche Beispielsammlung teils weniger bedeutsamer, teils nicht auffindbarer Gedichte?

4. Zur Klausur S. 50 ff. (ein Beispiel)
- Flemings Gedicht fällt m.E. nicht unter „carpe diem“, diese Aufforderung ist nur angesichts eines drohenden Unheils sinnvoll.
- Erwartungshaltung des Mannes? (zu S. 53)
- formale Gestaltung: eine sinn-lose Aufzählung
- sprachliche Gestaltung: Es fehlen öfter Belege,
  temporal/modal erfasst nicht die Eigenart des mittleren „Richtigen“,
  es geht nicht um das Verb, sondern um das Küssen;
- Kontext: Zweifel an „carpe diem“ (was S. 9 auch nur als Wort, nicht am Beispiel eingeführt ist)
- Synthese: Der 2. und 3. Punkt sind dem 1. gleich;
  körperliches Verlangen?
  Mögliche Wunscherfüllung?
[S. 55 muss nicht „pointiert“ fett gedruckt werden, sondern „gibt wieder“.]
zu S. 56 f.:
- Analyse: gehört in die 1. Teilaufgabe;
- Kontext: Zweifel, s.o.
- Positive Bewertung der Auseinandersetzung... Was soll die ganze Tugendliste???
  Führt z.B. nicht gerade die bürgerliche Tugend zur Abwesenheit von Liebe und zum Besitzdenken?
- Kausalanschluss: Der Satzbau der Lösung ist falsch, die Kausalität mir unverständlich, das Ganze ein Horrorszenario wie in den Besinnungsaufsätzen vor 50 Jahren!
- mögliche Beispiele: Ja, warum werden denn keine Beispiele genannt? An einigen Beispielen hätte man die Sachfrage wirklich diskutieren können (statt an den dämlichen Tugendkatalogen)!

1 Kommentar:

  1. Ich kenne das besprochene Buch nicht. Aber mir scheint, dass der Hinweis auf die fehlenden Beispiele ein grundsätzliches Problem solcher Lernhilfen darstellt, wenn nicht gar ein grundsätzliches Problem des Deutschunterrichts. Das, was von den Schülern als Prüfungsleistung gefordert wird, wird oft im Unterricht nicht geübt: das Verfassen von Texten. Über Texte sprechen oder sich mit diesen kreativ und handlungsorientiert auseinandersetzen ist eben keine Übung für eine vernünftige Textproduktion.

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