Montag, 7. Dezember 2009

R. Bernhardt: Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert (epische Texte)

Gutachten zu R. Bernhardt: Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung epischer Texte (Königs Abi-Trainer, 2009)

Ich beschränke mich auf einige Aspekte – es ist einfach zu viel zu kritisieren.
Positiv ist jedoch zu vermerken, dass gegenüber dem Buch über die Dramen (Epochenumbruch um 1800) eine Skizze der Erzähltheorie geboten wird und zum Schluss ein Register der Fachbegriffe zu finden ist.

  1. Epochenübersicht (S. 6-12): Das ist eine Erweiterung der Übersicht aus dem 1. Buch, aber auch nicht besser (Sammlung von Namen und Zahlen: Versteht ein Schüler dadurch etwas?). Hier gibt es immerhin den Expressionsmus, der bis 1925 dauert, während sich der Naturalismus bis 1914 auflöst. S. 10 stehen auch Stilrichtungen, die später nicht beachtet werden.

  1. Erläuterung des Epochenumbruchs (S. 13 ff.): Der Umbruch der Literatur wird aus den politischen Ereignissen 1871 / 1918 hergeleitet und dadurch begrenzt. Beides ist methodisch nicht zu verantworten.
Der Autor bietet eine Geschichte des Reiches und Österreichs, die er trickreich durch „insofern“ (S. 13, Mitte) einleitet und begründet. Der Logik seiner Argumentation würde jedoch entsprechen, wenn er sozusagen eine Innensicht Preußens (Fontane als Preuße) und der K&K Monarchie böte: die Idee und ihr innerer und äußerer Zerfall. Die Übersicht über den Epochemumbruch ist mangelhaft – im Netz findet man Besseres:
Epochenumbruch um 1900:
             Besonders peinlich ist es, dass der Autor drei literarische Strömungen des Epochenumbruchs auswählt und nur diese drei vorstellt (!), S. 27 ff. – was tut ein Schüler, wenn er im Abitur andere Strömungen kennen muss???
             Ferner ist die vom Autor eingeführte Höhenkunst etwas, was weder der Schülerduden Literatur noch Metzler Lexikon Literatur (2007) kennen; selbst bei google gibt es kein Stichwort „Höhenkunst“ – der Autor mag ja seine privaten Einsichten kultivieren, aber doch bitte nicht in einem Abi-Trainer! 
             Auf S. 31 scheint der Epochenumbruch bis 1925 zu gehen – wie der Expressionismus auf S. 11; es wäre schön, wenn der Autor sich auf ein Datum mit sich selber verständigte.

  1. Grundstrukturen epischer Texte (S. 32): Hier kommt der Autor nicht über Stanzel hinaus, und der ist auch schon etwas älter. Es fehlt das neutrale Erzählen bzw. der neutrale Erzähler. (Es fehlen auch wieder die Beispiele – aber das wird als bekannt vorausgesetzt; es fehlt wieder eine Anleitung zur Analyse von Sachtexten!). Im Netz findet man bessere und richtigere Darstellungen:
Erzähltheorie:
http://www.teachsam.de/ufa_deutsch.htm insgesamt zu empfehlen, konkret:
http://www.teachsam.de/deutsch/glossar_deu.htm (Glossar, mit Erklärung der Fachbegriffe - auch unter "Erzähltheorie" +norberto42 findet man im Netz einiges) 

      4.  Inhaltsangaben und Interpretationen von „Effi Briest“ findet man im Netz in verschiedener Intensität. Ein Schüler, der bei mir Unterricht hätte, wüsste auch, wie er sie findet:
http://logos.kulando.de/post/2009/01/15/fontane-effi-briest-inhalt-links (Übersicht über Inhaltsangaben, mit kurzer Bewertung)

Fazit: Ein Abi-Trainer für NRW darf nicht unter das Niveau von „Texte, Themen und Strukturen“ sinken; denn die Autoren dieses Buches (Cornelsen) sind die Leute, nach deren Strickmuster die Abi-Aufgaben in NRW gemacht werden. Herr Bernhardt hat offensichtlich seit seiner Doktorarbeit nichts mehr in der Texttheorie hinzugelernt, und von Schule und vom Abitur in NRW hat er keine Ahnung.
Was er macht (neue Wörter erfinden, wichtige literarische Strömung schlabbern, eine unvollständige Theorie des Erzählens vorstellen, literarische Strömungen durch politische Ereignisse begründen, keine einheitliche Datierung finden …) sind sachliche Schnitzer, die zu den didaktischen hinzukommen (auf die ich schon in Gutachten 1 hingewiesen hatte).
Das Buch ist nicht geeignet, Schüler auf das Zentralabitur NRW vorzubereiten, auch wenn es ein wenig besser als der Band zum Epochenumbruch um 1800 ist. 

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