Montag, 21. Dezember 2009

Internet beim Abitur benutzen

In Dänemark dürfen die Schüler ab 2011 beim Abitur das Internet nutzen (Elmar Jung: Abi mit Google, SZ vom 23. November 2009, S. 48). Das ist ein großer Fortschritt, der sehr zu begrüßen ist.
In NRW darf man im Fach Deutsch nur ein Wörterbuch zur Rechtschreibung benutzen, selbst im Fach Deutsch nicht mal ein richtiges Wörterbuch. Dabei könnten manche Varianten von Wortbedeutung gefunden werden, wenn man halt nachschauen dürfte - erst recht für Schüler mit dem viel zitierten Migrationshintergrund wäre das eine echte Erleichterung, aber auch für normale deutsche Schüler.
Welche Ideologie steht dahinter, dass man normale Hilfsmittel nicht benutzen darf, wenn man Hilfe braucht? Warum darf man die elementare Kompetenz "verschiedene Hilfsmittel, etwa das Internet, benutzen können" nicht im Abitur zeigen?

Montag, 7. Dezember 2009

Sammlungen deutscher Gedichte (Links)

Dieser Tage habe ich eine neue Sammlung deutscher Gedichte entdeckt (neben der bekannten Freiburger Anthologie) - da habe ich gleich mal nachgeschaut, was man noch dazu im Netz findet:

http://gedichte.xbib.de/ (Die Deutsche Gedichtebibliothek)
http://www.freiburger-anthologie.de/ (Freiburger Anthologie, reicht bis 1900)

R. Bernhardt: Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert (epische Texte)

Gutachten zu R. Bernhardt: Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung epischer Texte (Königs Abi-Trainer, 2009)

Ich beschränke mich auf einige Aspekte – es ist einfach zu viel zu kritisieren.
Positiv ist jedoch zu vermerken, dass gegenüber dem Buch über die Dramen (Epochenumbruch um 1800) eine Skizze der Erzähltheorie geboten wird und zum Schluss ein Register der Fachbegriffe zu finden ist.

  1. Epochenübersicht (S. 6-12): Das ist eine Erweiterung der Übersicht aus dem 1. Buch, aber auch nicht besser (Sammlung von Namen und Zahlen: Versteht ein Schüler dadurch etwas?). Hier gibt es immerhin den Expressionsmus, der bis 1925 dauert, während sich der Naturalismus bis 1914 auflöst. S. 10 stehen auch Stilrichtungen, die später nicht beachtet werden.

  1. Erläuterung des Epochenumbruchs (S. 13 ff.): Der Umbruch der Literatur wird aus den politischen Ereignissen 1871 / 1918 hergeleitet und dadurch begrenzt. Beides ist methodisch nicht zu verantworten.
Der Autor bietet eine Geschichte des Reiches und Österreichs, die er trickreich durch „insofern“ (S. 13, Mitte) einleitet und begründet. Der Logik seiner Argumentation würde jedoch entsprechen, wenn er sozusagen eine Innensicht Preußens (Fontane als Preuße) und der K&K Monarchie böte: die Idee und ihr innerer und äußerer Zerfall. Die Übersicht über den Epochemumbruch ist mangelhaft – im Netz findet man Besseres:
Epochenumbruch um 1900:
             Besonders peinlich ist es, dass der Autor drei literarische Strömungen des Epochenumbruchs auswählt und nur diese drei vorstellt (!), S. 27 ff. – was tut ein Schüler, wenn er im Abitur andere Strömungen kennen muss???
             Ferner ist die vom Autor eingeführte Höhenkunst etwas, was weder der Schülerduden Literatur noch Metzler Lexikon Literatur (2007) kennen; selbst bei google gibt es kein Stichwort „Höhenkunst“ – der Autor mag ja seine privaten Einsichten kultivieren, aber doch bitte nicht in einem Abi-Trainer! 
             Auf S. 31 scheint der Epochenumbruch bis 1925 zu gehen – wie der Expressionismus auf S. 11; es wäre schön, wenn der Autor sich auf ein Datum mit sich selber verständigte.

  1. Grundstrukturen epischer Texte (S. 32): Hier kommt der Autor nicht über Stanzel hinaus, und der ist auch schon etwas älter. Es fehlt das neutrale Erzählen bzw. der neutrale Erzähler. (Es fehlen auch wieder die Beispiele – aber das wird als bekannt vorausgesetzt; es fehlt wieder eine Anleitung zur Analyse von Sachtexten!). Im Netz findet man bessere und richtigere Darstellungen:
Erzähltheorie:
http://www.teachsam.de/ufa_deutsch.htm insgesamt zu empfehlen, konkret:
http://www.teachsam.de/deutsch/glossar_deu.htm (Glossar, mit Erklärung der Fachbegriffe - auch unter "Erzähltheorie" +norberto42 findet man im Netz einiges) 

      4.  Inhaltsangaben und Interpretationen von „Effi Briest“ findet man im Netz in verschiedener Intensität. Ein Schüler, der bei mir Unterricht hätte, wüsste auch, wie er sie findet:
http://logos.kulando.de/post/2009/01/15/fontane-effi-briest-inhalt-links (Übersicht über Inhaltsangaben, mit kurzer Bewertung)

Fazit: Ein Abi-Trainer für NRW darf nicht unter das Niveau von „Texte, Themen und Strukturen“ sinken; denn die Autoren dieses Buches (Cornelsen) sind die Leute, nach deren Strickmuster die Abi-Aufgaben in NRW gemacht werden. Herr Bernhardt hat offensichtlich seit seiner Doktorarbeit nichts mehr in der Texttheorie hinzugelernt, und von Schule und vom Abitur in NRW hat er keine Ahnung.
Was er macht (neue Wörter erfinden, wichtige literarische Strömung schlabbern, eine unvollständige Theorie des Erzählens vorstellen, literarische Strömungen durch politische Ereignisse begründen, keine einheitliche Datierung finden …) sind sachliche Schnitzer, die zu den didaktischen hinzukommen (auf die ich schon in Gutachten 1 hingewiesen hatte).
Das Buch ist nicht geeignet, Schüler auf das Zentralabitur NRW vorzubereiten, auch wenn es ein wenig besser als der Band zum Epochenumbruch um 1800 ist. 

Sonntag, 6. Dezember 2009

M. T. Krosch: Liebeslyrik in Barock, Romantik und Moderne (Königs Abi-Trainer, 2009)

Gutachten:
1. Dieses Buch ist nur eingeschränkt imstande, Schüler auf das Abitur vorzubereiten:
Die Vorbereitung der Schüler auf die Anforderungen der Probeklausuren lässt zu wünschen übrig;
a) denn es werden zwar die drei Epochen vorgestellt (S. 7 ff.),
b) aber die „Themenschwerpunkte“ sind eine bloße Sammlung von Begriffen und Wörtern (S. 30 ff.), also weithin nutzlos,
c) und in den sogenannten „Tonarten“ (S. 32 ff.) werden Sprechweisen und Stimmungen vermengt (wobei die Sehnsucht fehlt!);
d) formale Elemente (Stilmittel, Strophenformen usw.) werden gelegentlich einzeln eingestreut,
e) Einführungen in die Analyse von Sachten und in die Gedichtanalyse gibt es immerhin, aber nur in Form einer Tabelle und damit die Schüler überfordernd. Was nicht mindestens an einem Beispiel eingeführt worden ist, bleibt unanschaulich und wird letztlich nicht verstanden;
f) es fehlt eine Darstellung der Liebe und Liebesprobleme – die zu geben ist freilich eine anspruchsvolle Aufgabe.

2. Ein Beispiel: Barock
- Diesseitsverdammung und Jenseitsverherrlichung sind keine Kontraste (S. 9).
- Was soll die Kurzdarstellung von Drama und Roman leisten? (zu S. 11) Da würde man besser geistliche und weltliche Lyrik am Beispiel erklären!
- „Die barocke Lyrik unterscheidet man ...“ (S. 16): Gr- oder W-Fehler
- Zur Erinnerung (S. 12): Zusätzlich zu den im Text genannten Fachbegriffen findet man Alexandriner, Personifikation und „insistierende Nennung“ – wozu?
- Und wer soll diese Erklärungen hier wieder finden, wenn es kein Register am Schluss gibt?
- Und warum werden die Fachbegriffe nicht umfassend eingeführt?
- Bedeutende Autoren (S. 13): nichts sagend; Fleming hat sehr gute andere Gedichte verfasst (An sich; Gedanken über der Zeit).
- Was soll für Schüler die Angabe der Quellen (S. 13 f.)? Unter denen gibt es zwei bis drei fachlich relevante Titel, eine Reklame für Bange, Apokryphes und eine inzwischen stillgelegte online-Quelle.

3. Beispiele für Liebesgedichte des Barock (S. 14)
- Von den 19 genannten Titeln gibt es nur 2 im großen Conrady, 6 der genannten Autoren stehen nicht einmal mit ihrem Namen im Conrady; dafür hat Conrady z.B. J. H. Schein, G. R. Weckherlin, Ph. von Zesen, Q. Kuhlmann.
Angelus Silesius ist niemand anders als J. Scheffler, das sind nicht zwei Autoren!
- Selbst über google findet man 5 der genannten 19 Titel nicht: Was ist das für eine apokryphe Sammlung!?
- Es gibt eine Reihe von Fehlern:
 Lieb’ > Liebe (Schwarz)
 Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder (A. Silesius: falscher Titel, keine Liebesgedichte!)
 Laurette > Laurrette (Hoffmannswaldau)
 umsonst > ummsonst (Fleming); der Titel heißt übrigens „An Elsabe“, ist also falsch;
- Das Gedicht Lohensteins ist nur unter „Das Herz“ zu finden, Schwieger ist außerordentlich schwer zu finden, aber immerhin.
Fazit: Was soll eine solche Beispielsammlung teils weniger bedeutsamer, teils nicht auffindbarer Gedichte?

4. Zur Klausur S. 50 ff. (ein Beispiel)
- Flemings Gedicht fällt m.E. nicht unter „carpe diem“, diese Aufforderung ist nur angesichts eines drohenden Unheils sinnvoll.
- Erwartungshaltung des Mannes? (zu S. 53)
- formale Gestaltung: eine sinn-lose Aufzählung
- sprachliche Gestaltung: Es fehlen öfter Belege,
  temporal/modal erfasst nicht die Eigenart des mittleren „Richtigen“,
  es geht nicht um das Verb, sondern um das Küssen;
- Kontext: Zweifel an „carpe diem“ (was S. 9 auch nur als Wort, nicht am Beispiel eingeführt ist)
- Synthese: Der 2. und 3. Punkt sind dem 1. gleich;
  körperliches Verlangen?
  Mögliche Wunscherfüllung?
[S. 55 muss nicht „pointiert“ fett gedruckt werden, sondern „gibt wieder“.]
zu S. 56 f.:
- Analyse: gehört in die 1. Teilaufgabe;
- Kontext: Zweifel, s.o.
- Positive Bewertung der Auseinandersetzung... Was soll die ganze Tugendliste???
  Führt z.B. nicht gerade die bürgerliche Tugend zur Abwesenheit von Liebe und zum Besitzdenken?
- Kausalanschluss: Der Satzbau der Lösung ist falsch, die Kausalität mir unverständlich, das Ganze ein Horrorszenario wie in den Besinnungsaufsätzen vor 50 Jahren!
- mögliche Beispiele: Ja, warum werden denn keine Beispiele genannt? An einigen Beispielen hätte man die Sachfrage wirklich diskutieren können (statt an den dämlichen Tugendkatalogen)!

Samstag, 5. Dezember 2009

Bernhardt: Epochenumbruch 18./19. Jahrhundert

Gutachten zu
R. Bernhardt:  Epochenumbruch 18./19. Jahrhundert (Bange Verlag 2009)

Das Buch ist auch mehreren Gründen nicht geeignet, Schülern bei der Vorbereitung aufs Abitur 2011 zu helfen:
1.       Es ist kein „Trainer“, sondern ein einziger endloser Lehrervortrag; Schüler werden also nicht aktiviert, sondern sind zum bloßen Lesen verdammt (ähnlich wie im schlechten Unterricht).
2.       Die in den Klausuren geprüften Fähigkeiten werden nicht nur nicht eingeübt, sondern es wird dazu nicht einmal angeleitet (Anleitung zu Textanalyse, Analyse einer Szene usw. fehlt).
3.       In den Klausuren wird teilweise sogar ein „Wissen“ vorausgesetzt, das nicht vermittelt wird (z.B. Briefe Schillers über Don Carlos, Kenntnis anderer Werke Schillers): Wer das alles aber weiß, braucht das Buch nicht!

4.       Die Klausuren zeigen, dass der Verfasser von der Schule wenig Ahnung hat:
-          Es fehlt immer die Angabe des Gewichtes der einzelnen Aufgabe und der Hilfsmittel.
-          Die Aufgabenstellungen sind teilweise unverständlich (Entwerfen Sie ein Feuilleton, S. 77), methodisch verfehlt (Analysieren Sie … unter Berücksichtung … - das gehört nicht in eine Textanalyse!), teilweise textlich überfrachtet (S.88-91; S.127 ff. – wann soll ein Schüler das lesen, verstehen und auch noch verarbeiten?).

Darüber hinaus meine ich, dass sowohl das Verständnis des Dramas „Don Carlos“ (vgl. meine Analyse im Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht: Welche Bedeutung hat der Freundschaftsbund mit Posa? Der Rahmen sind die Begegnungen mit Elisabeth, I 5 und V 11, nicht die Inquisitionsepisoden; das ist z.T. auch in meinem Beitrag auf lehrer-online zu lesen) zu wünschen übrig lässt – den Humboldt-Text S. 88 f. schenke ich mir hier nach Verständnis und Abgrenzung – wie auch das Verständnis von Textanalyse methodisch unzureichend ist (Begriff des sprachlichen Handelns fehlt; Prinzip Frage-Antwort ist nicht erfasst): Der Autor denkt in Wörtern und Begriffspaaren, damit kann man keinen Text erfassen – ich empfehle die Lektüre des Grammatik-Dudens oder des Studienbuchs Linguistik.

Man kann noch viele Fragen an das Buch stellen:
1.       Was leistet die Mini-Übersicht S. 6-9? Haben die Schüler kein Lehrbuch, wo das mindestens genauso ausführlich steht? (Bestimmung der Zielgruppe: unklar)
2.       Warum werden die drei Freiheitsbegriffe in die historische Entwicklung hineingepackt?
3.       Wo ist die Grundstruktur des Dramas Kleists? (in 3.)
4.       Warum werden aristotelisches und Stationendrama als Grundformen genannt (danach viel allgemeiner geschlossene – offene Form, episches Drama wird nicht erwähnt)?

Zu Details ließe sich noch vieles sagen – hier geht es um die Grundlinien der Kritik: Das Buch ist Schülern nicht zum Kauf zu empfehlen, weil es sie nicht sinnvoll auf die Anforderungen des Abiturs vorbereitet.

Freitag, 4. Dezember 2009

"Kabale und Liebe" - Lehrerheft

Heute habe ich die Belegexemplare meines neuen Lehrerheftes zu "Kabale und Liebe" bekommen, das gerade im Verlag Krapp und Gutknecht erschienen ist. Was man davon erwarten darf, ist kurz auf der homepage des Verlages umschrieben.
Außerdem kann man eine DVD von der Inszenierung des Plauener Theaters 2009 erwerben.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Gedichte sprechen (laut vorlesen)

Durs Grünbein hat in Frankfurt/Main die (eine) Poetikvorlesung 2009/10 gehalten. Die FAZ-online berichtet heute (2. Dezember 09) unter anderem sein Schlusswort:
Gerade die „physische Abwesenheit der Dichterstimme“ macht im Gedicht deren „intensivste Vergegenwärtigung“ möglich. Rhythmus und Metrik, alle klassischen Parameter der Poetik, „müssen sich der persönlichen Stimmführung fügen“.


Was sagt er damit? Er sagt, dass man lautes Sprechen und Verstehen von Gedichten nicht voneinander trennen kann. Ich füge hinzu, dass die vermeintlich produktiven Spielchen (wie: neue Reimwörter erfinden usw.) wenig mit dem Verständnis von Gedichten zu tun haben - warum? Ich denke, das hat der Dichter gesagt.