Freitag, 1. Januar 2010

Vertrauensvorschuss - eine Bedingung des Lernens

Zum neuen Jahr schrieb mir eine Schülerin, die 2001 Abitur gemacht hat; sie bezog sich auch darauf, was sie bei mir gelernt hat, im Besonderen auf die Art, wie man an Probleme oder Fragestellungen herangeht. Ich habe sie in Deutsch und Philosophie unterrichtet; ich erinnere mich noch an einen philosophischen Essay, den sie einmal geschrieben hat - das Thema habe ich vergessen, aber ich weiß noch, dass sie tatsächlich meine Tipps befolgt hat und Leute gefragt hat, was diese zu einer bestimmten Frage meinten, und diese Meinungen dann weiter bearbeitet hat.
     Warum hat diese Schülerin (im Unterschied zu manchen anderen) bei mir etwas gelernt? Sie hat sich voller Vertrauen (und hoffentlich nicht ohne Reflexion) auf das eingelassen, was ich ihr als Tipp gegeben habe, was wir im Unterricht gemeinsam praktiziert haben. Sie hat etwas lernen wollen, statt nur mit den Noten über die Runden zu kommen.
     In diesem Lernenwollen steckt viel Vertrauen, ein Vertrauensvorschuss für den Lehrer, in diesem Fall für mich als Lehrer. Kann man sich Vertrauen verdienen? Wie muss man agieren oder auftreten, um Vertrauen geschenkt zu bekommen?
     Es geht sicher nicht ohne Offenheit des Lehrers, für die sich im vergangenen Jahr ein ehemaliger Schüler bedankt hat: wie es spannend wurde, wenn das Fachgebiet im Hinblick auf die Fragen des guten Lebens, der Hindernisse und Hilfen für ein gelingendes Leben überschritten wurde. Freilich kann man solche Grenzüberschreitung nur wagen, wenn es nicht Schüler in der Klasse gibt, deren Eltern mit dem Rechtsanwalt drohen oder die auf eine Gelegenheit warten, um sich beim Schulleiter (oder bei der Bezirksregierung) zu beschweren. 
     Zu diesem Thema könnte ich ein Lied mit vielen Strophen singen. Aber heute möchte ich nur das Loblied auf die Schüler singen, die mir Vertrauen geschenkt haben - bei ihnen allen (und bei C. an der Spitze) möchte ich mich dafür bedanken. In Edzard Schapers Legende vom vierten König sagt die Bettlerin zum kleinen König aus Russland (sinngemäß): "Nichts von dem, was man tut, geht verloren; man weiß oft nur nicht, wo es bleibt." Wenn man gelegentlich, wie ich jetzt am Neujahrsbrief, feststellt, dass der Bettlerin Wort wahr sein könnte, ist das ein Moment großen Glücks [allerdings für die Fälle des Versagens auch eine Beschämung].

Kommentare:

  1. Auch wenn es nicht zu diesem Beitrag passt: Ich wünsche Ihnen ein gesundes und frohes Jahr 2010.

    Benutze gerade mal wieder ihren Block um ein Deutschreferat über Don Carlos vorzubereiten. Nach wie vor die beste Adresse für das Fach Deutsch.
    Danke für die Hilfe=)

    Gruß

    Jesse Zimmermanns

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  2. Hallo, Jesse,
    auch dir und allen Zimmermännern (wozu auch deine Mutter gehört) ein gutes neues Jahr!
    Und vielen Dank für das Lob meines Blogs = meiner Arbeit,
    Gruß auch an die alte Klasse, soweit sie gegrüßt sein will!
    Norbert Tholen

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