Sonntag, 7. Februar 2010

Schloemann: Klassenbewusstsein

Der Untertitel dieses Aufsatzes in der SZ vom 6. Februar 2010 lautete: Das Land braucht nicht viele Abiturienten, sondern bessere. Sonst verliert das Gymnasium seine Bedeutung als höhere Lehranstalt.


Sehr geehrter Herr Schloemann!

Als nunmehr pensionierter Lehrer am Gymnasium kann ich Ihrer Klage über den Verfall des Gymnasiums nur zustimmen. Ziel des Gymnasiums muss es sein, nicht vielen Schülern das Abiturzeugnis auszuhändigen, sondern viele Schüler studierfähig zu machen. Die Crux hierbei ist, dass bisher offenbar nur gefühlsmäßig bestimmt ist, was „studierfähig“ heißt, d.h. welche Fähigkeiten und Fertigkeiten jemand besitzen muss, um studierfähig zu sein.
     Ihren Ausführungen möchte ich noch drei Aspekte hinzufügen:
1. Um der Gleichheit willen werden in zentralen Abiturprüfungen (zumindest im Fach Deutsch) oft genug abseitige Aufgaben gestellt – die sinnvollen Aufgaben könnte ja schon ein Kollege bearbeitet haben, und dessen Schüler wären dann gegenüber den übrigen im Vorteil.
2. Durch die didaktischen Moden (viel „Spielerei“ und „Kreativität“) kommen methodisch strenge Verfahren der Texterschließung zu kurz, zum Beispiel die Arbeit mit dem Wörterbuch. Es gibt kaum Anleitungen dazu, wie man mit dem Wörterbuch oder einer deutschen Grammatik arbeitet – und in den Schulen gibt es entsprechend keine Wörterbücher. Was im Abitur als „Wörterbuch“ zugelassen ist, ist der Rechtschreibduden oder ein ähnliches Buch, aber eben kein richtiges Wörterbuch.
3. In den Schulbüchern für Deutsch geht es entsprechend zu, allüberall wird produziert und szenisch dargestellt ... Aber der zentrale Begriff des sprachlichen Handelns fehlt weithin – in der neuesten Ausgabe des in NRW verbreiteten Cornelsen-Buchs „Texte, Themen und Strukturen“ für die Sekundarstufe kommt der Begriff einmal vor, aber er wird nicht als zentraler Begriff eingeführt und es wird eben insgesamt nicht damit gearbeitet. Dabei ist der Begriff seit über 50 Jahren in der Sprachwissenschaft geläufig, und er ist für ein strenges Verstehen auch unentbehrlich (er macht zum Beispiel den Rückgriff auf eine ohnehin nicht zu ermittelnde „Intention“ des Dichters überflüssig). Jedenfalls müsste er Schülern, die studierfähig sein sollen, geläufig sein.
     Nach meiner Einsicht müsste vordringlich geklärt werden,
1. mit welchen Fähigkeiten jemand studierfähig ist,
2. auf welchen Wegen diese Fähigkeiten nachweisbar erworben werden können,
2. was neue didaktische Methoden empirisch nachweisbar leisten.
Wer vierzig Jahre in der Schule gearbeitet hat, hat so viele Moden kommen und verschwinden sehen, dass er nur lächeln kann, wenn wieder einmal eine allein seligmachende Methode von gläubigen Theoretikern, die damit Karriere machen, gepredigt wird.

Mit freundlichen Grüßen, 

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