Dienstag, 16. Februar 2010

Was den guten Vortrag ausmacht

Was die Kunst des guten Vortrags ausmacht, möchte ich an drei Regeln zeigen und dann erklären, wieso diese drei Regeln gelten.
1. Regel: Der gute Redner macht zu Beginn klar, um welche Frage es geht, und zwar möglichst präzise.
Beispiel: Wir gehen heute der Frage nach, wie Schiller die Probleme gelöst hat, wie es im „Don Carlos“ nach III 10 weitergehen kann. (besser als: welche Probleme Schiller mit „Don Carlos“ hatte).
In der Einleitung kann dann voraufgehen, dass man erklärt, wie es zu diesem Problem kommt bzw. gekommen ist.
2. Regel: Der gute Redner macht den Zuhörern klar, wie sein Vortrag aufgebaut ist,
und macht zwischendurch deutlich, wo man gerade steht – das schließt gelegentliche Vor- und Rückgriffe ein.
Diese Regel besagt im 1. Teil eigentlich nur, dass man erklärt, wie man vorgehen will, um das Problem zu lösen.
3. Regel: Der gute Redner spricht nicht nur klar, sondern auch bildhaft und baut dabei möglichst zentrale Bilder auch aus.
Beispiel: Schiller stand mit „Don Carlos“ nach III 10 mitten im Wald. Der Weg war zu Ende und er hatte weder eine Karte noch einen Kompass. In welche Richtung sollte er mit seinem Helden gehen? Da sah er in der Ferne ein kleines Licht: ...
Was steht hinter den drei Regeln?
Dahinter steht die Einsicht, dass der Redner es in der Regel mit Interessierten zu tun hat, die jedoch nicht ganz so begeistert und nicht ganz so kompetent sind wie er selber. Er kämpft oder wirbt um ihre Aufmerksamkeit und möchte es ihnen erleichtern, aufmerksam zu bleiben. Dazu tragen dann auch kleine Scherze, Anspielungen und Wortspiele (auf hohem Niveau) bei, sozusagen als Belohnung. Daraus ergeben sich auch die Ratschläge, man möge die Leute anschauen usw. - es muss dir klar sein, dass du um die Aufmerksamkeit der Zuhörer wirbst, Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut.
Von drei Regeln erfordert nur die dritte eine zusätzliche Arbeit bzw. eine Überarbeitung; das Problem und die Gliederung sind dir hoffentlich bereits klar, wenn du den Vortrag "fertig" hast, du musst sie nur publikumswirksam verkaufen.

Woher kommt es, dass man beim Vortrag um Aufmerksamkeit werben muss? Ein Vortrag ist technisch gesehen ein Monolog, womit er tendenziell für andere langweilig ist. Also muss man dialogische Momente in diesen Monolog einbauen! Das ist der Gedanke, der hinter den drei Regeln steht:
Was will der Redner überhaupt?
Was meint er mit seinen schlauen Worten?
Was geht das mich an?
Wo sind wir dran?
Wie geht es weiter?
Wie lange dauert es noch?
Diese (unausgesprochenen) Fragen der Zuhörer muss der Vortragende indirekt oder direkt immer beantworten bzw. berücksichtigen, damit man ihm gern und vielleicht sogar mit Genuss zuhört.

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