Montag, 28. Juni 2010

4,5 mal so große Chance für Akademikerkinder?

Dazu noch mal tagesschau.de: „Bundesweit hat ein Kind aus der Oberschicht gegenüber einem Schüler aus einer Facharbeiterfamilie auch bei gleicher Intelligenz und Lernvermögen eine 4,5-mal so große Chance, ein Gymnasium zu besuchen. Besonders ausgeprägt ist das soziale Bildungsgefälle in Baden-Württemberg und Bayern, wo die Chancen von Akademikerkindern gegenüber gleichintelligenten Facharbeiterkindern 6,6 beziehungsweise 6,5-mal so hoch sind.“
Ehrlich gesagt, ich wüsste einmal gerne, wie die ominöse Zahl 4,5 zustande gekommen ist. Einer schreibt sie vom anderen ab, aber wer hat sie in die Welt gesetzt? Als alter Gymnasiallehrer bezweifle ich diese Zahl einfach. Ich begründe meine Zweifel:
1. Wenn die Zahl 4,5 stimmte, müsste es am Gymnasium viel mehr Akademikerkinder geben, als es sie tatsächlich gibt. Nehmen wir den Anteil der Akademikereltern mit Kindern im Alter von 10 Jahren einmal bei 15-20 % der Bevölkerung, den Anteil der Facharbeiter [Was genau ist ein Facharbeiter? Ist das etwas anderes als ein Arbeiter? Ist ein Busfahrer also ein Facharbeiter?] bei 40-50 %, dann hätten wir das Verhältnis der Akademikereltern zu Facharbeitereltern etwa bei 1:2,5; dann müssten nach der ominösen Größe "4,5fach" (gleiche Kinderzahl in den Familien vorausgesetzt) die Schar der Sextaner sich so verteilen: 60 % Akademikersextaner, 30 % Facharbeitersextaner, 10 % für den Rest angesetzt. Ob das so ist, kann man prüfen - nach meiner Erfahrung ist das nicht so.
2. Da aber vermutlich auch weniger begabte Akademikerkinder die Gymnasialempfehlung bekommen, müsste das Verhältnis noch stärker zu deren Gunsten verzerrt sein.
3. Wiederum vorausgesetzt, die begabten Facharbeiterkinder, die nicht aufs Gymnasium gehen, gingen alle auf die Realschule - auf der Hauptschule sind zumindest in NRW vermutlich kaum hochbegabte Facharbeiterkinder zu finden: Da von neun gut begabten Facharbeiterkindern nur 2 aufs Gymnasium gehen, müssten also 7 auf die Realschule wechseln. Wenn deren Eltern nun 40-50 % der Bevölkerung ausmachen, müssten rund 30-40 % der Kinder eines jeden Jahrgangs begabte Facharbeiterkinder auf der Realschule sein. Da aber die Realschulen nicht mehr als 30-40 % eines Jahrgangs aufnehmen, dürften außer den begabten Facharbeiterkindern keine anderen Schüler mehr die Realschule besuchen: keine Akademikerkinder, keine weniger begabte Facharbeiterkinder, keine Arbeiterkinder, keine Migranten usw., nur hochbegabte Facharbeiterkinder.
Auch diese Größe wäre leicht zu überprüfen, wenn man es denn wollte. Will man aber nicht: Man will sich lieber über die Ungerechtigkeit der Bildungschancen erregen und sie dann mit Maßnahmen bekämpfen ("längeres gemeinsames Lernen"), deren Erfolg man in der Stadt bzw. dem Bundesland Berlin überprüfen könnte.
Will man aber auch nicht - das Ergebnis könnte ja anders ausfallen, als man es für sein Bildungspolitik braucht, nicht wahr Frau Löhrmann?

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