Mittwoch, 22. Juni 2016

Rena Thormann: Deutsch als Zweitsprache in Vorbereitungsklassen - Besprechung


Die Bücher der Reihe „Deutsch als Zweitsprache in Vorbereitungsklassen“, erstellt von Rena Thormann, taugen nicht viel. Ich begründe mein Urteil folgendermaßen:
1. In Band 2 wird weithin das gleiche Vokabular eingeübt wie in Band 1 (Essen und Trinken, Wohnung, Familie, Körper; Schule, sich vorstellen).
2. In Band 1 werden neben wichtigen Wortfeldern auch ziemlich unwichtige präsentiert (Winter, Advent und Weihnachten, Fasching und Karneval, Gastronomie mit Sektglas: für Flüchtlinge!).
3. Die Bücher sind miserabel korrigiert. Allein auf S. 49 in Bd. 2 („Die Wohnung von Frau Thormann“) gibt es in einem Satz („Im Schlafzimmer...“, Z. 5 f.) zweimal den gleichen Kleiderschrank; „auf einem Schreibtisch steht der Computer und ein Sofa“ (Z. 4 f.) – das Sofa steht aber bereits vorher im Arbeitszimmer (Z. 4); im Wohnzimmer ist es gemütlich, weil „die Sonne herein scheint“ (R!); und was „sich entspannen“ ist, kann man wirklich keinem Anfänger erklären.
4. Ebenso kann man mit dem Bild einer Schalttafel nicht erklären, was ein Mechatroniker ist oder tut (Bd. 1, S. 67), und an der Hand („Der Mensch“, Bd. 1, S. 34) bekommt der Ringfinger keinen Namen. Gelenke hat der Mensch auch nicht, und wieso ein Bus, an dem ein Stop-Schild klebt, „Die Haltestelle“ darstellt (Bd. 1, S. 84), erschließt sich mir nicht.
Dafür bekommt man bei „Fahren und Reisen“ (Bd. 1, S. 84) tatsächlich ein U-Boot angeboten: Gute Fahrt, Frau Thormann!

P.S. Noch zwei Klöpse aus Band 1:
Auf S. 63 wird realitätsnah gefragt: Wo ist die Karotte? (über dem Bett, im Bett, unter dem Bett...) - Bei uns sind die Karotten nicht im Bett, und unter dem Sofa sind sie höchstens bei Hempels.
Auf S. 79 wird im Zusammenhang mit Ostern der Leidensweg Jesu (Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern, also der Kreuzweg) als „der Kreuzgang“ (statt: der Kreuzweg) vorgestellt - das ist schlicht falsch, der Kreuzgang ist der überdachte Gang um den Innenhof eines Klosters; mit den Deutschkenntnissen von Frau Thormann ist es nicht weit her.

Freitag, 17. Juni 2016

Mehrsprachigkeit - was man so alles (ab)schreibt

Fangen wir mit Uwe Hinrichs an. Der ist Professor und hat im SPIEGEL (7/2012) einen Aufsatz geschrieben: „Hab isch gesehen mein Kumpel – Wie die Migration die deutsche Sprache verändert hat“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977255.html). Diesen Aufsatz habe ich auszugsweise in dem Heft „Sprachursprung, Sprachskepsis, Sprachwandel“ der Reihe „EinFach Deutsch“, hrsg. von Frank Schneider (Schöningh, S. 345 f. – mal wieder ohne Quellenangabe!) kennengelernt. Es ist ein Aufsatz, in dem viele Belege fehlen, aber das sei einem SPIEGEL-Essay nachgesehen. Hinrichs, wiewohl Professor, macht da einen wunderbaren Denkfehler: Einerseits spricht er von der Strategie Deutschsprachiger, „die Sprachstrukturen zu vereinfachen, um das Kommunizieren mit Nichtmuttersprachlern zu erleichtern“ (Z. 50-52); später macht er dagegen für Sprachveränderungen die Migranten verantwortlich, welche auf Sprachstrukturen zurückgriffen, „die sie aus ihrer Muttersprache mitbringen“ (Z. 60-62). Dass sich die Wendungen mit „machen“ durch Parallelen im Türkischen erklären ließen (Z. 80 ff.), halte ich für gesucht: Exkanzler Schröder sagte oft, dass etwas (keinen) Sinn mache, und war dabei sicher nicht von türkischen Wendungen inspiriert, eher vom Englischen. Dass sich die Linguisten bei der Erforschung des Sprachwandels zurückhielten (Z. 107 ff.), „wahrscheinlich“ aus Angst vor einer „Diskriminierungsfalle“, halte ich für ein Märchen des Professors Hinrichs – Frank Schneider macht daraus gleich eine Tatsache und fordert die Schüler auf, zu erklären, wieso Sprachwissenschaftler diese Diskriminierungsfalle fürchten. Hinrichs fabuliert dann weiter von der Gelegenheit, zur Erforschung von Sprachkontakten „Deutsche und Migranten in Projekten zusammenzubringen und die Vision einer offenen Gesellschaft mit Leben zu füllen“: April, April..., als wenn die Aachener Linguisten nach Jüchen kämen, um mit Türken Sprach-Projekte in die Welt zu setzen!
Wenden wir uns noch einmal Herrn Schneider zu: In einer „Information“ spricht er von territorialer Mehrsprachigkeit (S. 346); das halte ich für problematisch – vermutlich wäre der Begriff „Ethnolekt“ für den deutsch-türkischen Mischmasch angemessener (https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnolekt, schöner gedruckt http://www.linkfang.de/wiki/Ethnolekt). Eine letzte Aufmerksamkeit für Herrn Schneider: Der Hinrichs-Text ist auch in einem Lehrbuch verbraten worden (http://f.sbzo.de/onlineanhaenge/files/de_aufgabenbeispiel.pdf), und zu dessen Aufgabenstellung gibt es sogar eine Lösung im Internet (http://www.cfg-luis.de/Lehrer/RaabeK/Deutsch/Deutsch%20EF/&download=L%C3%B6sungHinrichsPDF.pdf). Ferner gibt es einen Musteraufsatz in einem Klett-Buch, in dem weithin der Hinrichs-Aufsatz ausgeschlachtet wird (http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350501_BL_07.pdf). So ist es eben in der Schule (und den Schulbüchern): Einer schreibt vom anderen ab...
Hinrichs hat sich nach seinem Essay aufgerappelt und 2013 ein Buch veröffentlicht - vielleicht war der SPIEGEL-Essay aber auch nur ein Abfallprodukt des Buches, an dem er gerade arbeitete? http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18787&ausgabe=201402 (Buchbespr. Hinrichs, 2013) http://www.gerder.org.tr/diyalog/Diyalog_2014_1/15_Rezension_Anna_Dasz.pdf (dito) http://www.linguaemundi.info/wp-content/uploads/12.11.Hinrichs_handout_linguae.pdf (handout zum Buch)
Die von Hinrichs zitierte Heike Wiese hatte bereits 2012 ein Buch veröffentlicht (Heike Wiese: Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht); sie hat viele Arbeitspapiere veröffentlicht, die großenteils bei academia.edu erschienen sind. Ich nenne hier nur zwei Links: https://www.researchgate.net/publication/261402356_Kiezdeutsch_-_ein_neuer_Dialekt_des_Deutschen; https://www.academia.edu/6221299/Kiezdeutsch_ein_neuer_Dialekt.
In einer weiteren Aufgabe hat Herr Schneider die konzeptionelle Mündlichkeit eingeführt, sie aber völlig unzureichend erklärt. In meinem Blog gibt es einen Beitrag über konzeptionelle Mündlichkeit (d.h. so schreiben, wie man im Gespräch agiert); aus zwei Links (http://textlinguistik.pbworks.com/f/Muendlichkeit%20Schriftlichkeit.ppt, http://www.linse.uni-due.de/tl_files/PDFs/ESEL/Tabea_Denter_Passiv.pdf) kopiere ich zur Korrektur des Kollegen Schneider wesentliche Merkmale heraus und erläutere einige Begriffe:

Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit:
  • verkürzte Sätze
  • Rektions- und Kongruenzfehler
  • Satzbrüche
  • Interjektionen (Ausrufe)
  • 'passe-partout'-Wörter (Wörter, die immer passen)
  • Wortwiederholungen
  • Wortformverschmelzungen
  • umgangssprachliche Ausdrücke
  • Gesprächspartikel
  • und-Verknüpfungen (einfaches Aufreihen)

Kommunikative Nähe (bei Mündlichkeit)
– Privatheit
– Vertrautheit
– starke emotionale Beteiligung
– Situations- und Handlungseinbindung
– Referenzbezug auf Sprecher-origo (= „ich“)
– physische Nähe
– maximale Kooperation bei der Produktion
– hoher Grad der Dialogizität
- freie Themenentwicklung
- maximale Spontanität

Kommunikative Distanz (bei Schriftlichkeit)
– Öffentlichkeit
– Fremdheit
– keine emotionale Beteiligung
– Situations- und Handlungsentbindung
– kein Referenzbezug auf die Sprecher-origo
– Themenfixierung
– maximale Reflektiertheit
(vgl. Koch; Oesterreicher 2011, S. 10 f.)

Die Schlussbemerkung gilt Herrn Hinrichs: Wenn er mit seinem SPIEGEL-Essay in verschiedenen Lehrbüchern landet, wundert es einen nicht, ihn auch in einem Schulcurriculum zu finden: http://www.sg-guetersloh.de/wp-content/uploads/2015/07/18662_Curriculum_Q1-2_Leistungskurs_neu.pdf. Fazit: Wenn man einen Aufsatz im SPIEGEL unterbringt, hat man die größte Hürde auf dem Weg in die Öffentlichkeit genommen.

Montag, 13. Juni 2016

W. von Humboldt: Sprache als Weltsicht - Darstellung und Kritik

1836 erschien posthum Wilhelm von Humboldts Schrift „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts“ (http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10904366_00005.html oder 
https://archive.org/stream/bub_gb_dV4SAAAAIAAJ#page/n7/mode/2up). Daraus wird im diesbezüglichen EinFach-Deutsch-Heft über Spracherwerb usw. ein Textauszug mit der Überschrift „Die Sprache als Weltsicht (1830-1835)“ in knapp 45 Zeilen, ohne exakte Quellenangabe.
Der Gedanke Humboldts beruht darauf,
1. dass das Wort nicht ein „Abdruck des Gegenstandes an sich“, sondern von dessen Bild in unserer Seele ist,
2. dass jede Wahrnehmung subjektiv, also an den eigenen Standpunkt gebunden ist,
3. dass auf eine Sprache die Subjektivität einer Nation einwirkt und deren eigentümliche Weltsicht bestimmt,
4. dass wir in einer Welt von Lauten leben, um die Welt von Gegenständen aufzunehmen und zu bearbeiten.
Der Mensch lebe also im Kreis seiner Sprache, aus dem er nur heraustreten könne, wenn er in den Kreis einer anderen Sprache eintritt; das Erlernen einer neuen Sprache sollte demgemäß „die Gewinnung eines neuen Standpunkts in der bisherigen Weltsicht sein“ – zugleich schränkt Humboldt ein, dass dieser Standpunktwechsel nur begrenzt möglich sei, da man sich von der eigenen Sprache resp. Weltsicht nie ganz lösen könne.
Würdigung:
Wilhelm von Humboldt wendet hier die Kantische Philosophie auf die Sprache als Werkzeug der Erkenntnis an. Die Pointe dabei ist, dass er einem „Volk“ (Nationalbewusstsein zu Beginn des 19. Jh.!) „eine gleichartige Subjektivität“ wie dem Individuum zusprechen muss, um eine an die (National)Sprache gebundene eigentümliche Weltsicht vertreten zu können.
Diese Annahme ist problematisch, da wir innerhalb der einen Sprache Dialekte und Soziolekte unterscheiden können – und zudem verschiedene Sprachebenen oder –niveaus, die auch an unterschiedliche soziale Schichten gebunden sind (z.B. „verscheiden – sterben – verrecken“; oder Antlitz – Gesicht – Fresse). Die Vorstellung der „Subjektivität einer Nation“ ist ein Kind des im frühen 19. Jahrhundert blühenden Nationalbewusstseins, dem wir nicht nur die Sammlung deutscher Volkslieder und Märchen oder die Freiheitskämpfe gegen Napoleon und das Aufkommen der Germanistik verdanken, sondern später auch viele andere üble Dinge...
Die Belege oder Beispiele im Heft EinFach Deutsch, die für Humboldts Theorie sprechen sollen, sind ohnehin fragwürdig: Ob ein Engländer heute bei „earn money“ noch an das selbständige Wachsen der Früchte bis zur Ernte denkt, darf bezweifelt werden, und auch „Nasenloch“ ist längst ein fester Begriff, also ein einziges Wort geworden – kein Deutscher denkt mehr an ein Loch, und kein Spanier meint, er habe in der Nase ein Fenster. Solche Bilder verblassen und werden zu schlichten Namen, die so wenig besagen wie die Vornamen Norbert („der im Norden Glänzende“) oder Theodor („Geschenk Gottes“ – kann man sich Vicky Leandros mit dem Song „[Geschenk] Gottes, wir fahr’n nach Lodz“ vorstellen?).
Zu Humboldts Theorie:
S.J. Schmidt: Denken und Sprechen bei Wilhelm von Humboldt (http://www.gleichsatz.de/b-u-t/trad/humb2.html)
O.F. Bollnow: Die Sprache als Weltsicht (http://www.gleichsatz.de/b-u-t/spdk/boll1.html).
Wir wollen zum Schluss dem Herausgeber des EinFach-Deutsch-Heftes unseren Respekt erweisen: Er reduziert knapp 500 Seiten Humboldt auf gut 44 Zeilen. Im Ernst – wieso muss man 45 Zeilen Humboldt (ohne Beschreibung des Kontextes!) lesen (zudem mit zwei unklaren Stellen: Der Satz „Diese Ausdrücke überschreiten auf keine Weise das Maß der einfachen Wahrheit.“ ist nicht verständlich, unklar ist auch die Vorstellung „die Gewinnung eines neuen Standpunkts in der bisherigen Weltsicht“; ich verzichte hier auf eine Begründung für meine These der Unklarheit), wenn man das Ganze mit eigenen Worten in 10-20 Zeilen sagen kann? Haben die Schüler dadurch eher Teil an der klassischen deutschen Bildung?

Sonntag, 12. Juni 2016

Konzeptionelle Mündlichkeit beim Schreiben - Erklärung, Einführung, Übersicht


Im Kernlehrplan Deutsch für die Sekundarstufe II (NRW) wird unter dem Inhaltsfeld „Sprache“ als Kompetenz u.a. beschrieben: Die Schüler können „Veränderungstendenzen der Gegenwartssprache (Migration und Sprachgebrauch, Mehrsprachigkeit, konzeptionelle Mündlichkeit beim Schreiben, Medieneinflüsse) erklären.

Was ist konzeptionelle Mündlichkeit beim Schreiben? Eine erste Erklärung des Phänomens, dass man so ähnlich schreibt, wie man sonst spricht, bieten





Detaillierter und zum Teil an speziellen Fragestellungen orientiert sind


http://www.linse.uni-due.de/tl_files/PDFs/ESEL/Tabea_Denter_Passiv.pdf (dort S. 15-23: Mündlichkeit und Schriftlichkeit)

http://www.guido-nottbusch.de/doc/DGfS2010_Nix_Nottbusch.pdf (Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit. Der Einfluss medial schriftlicher Internetkommunikation auf die Textproduktion in der Schule – übersichtlich, anschaulich)


http://kups.ub.uni-koeln.de/5150/1/Knopp2013-Mediale_Raeume_.pdf (Dissertation M. Knopps: Mediale Räume zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Zur Theorie und Empirie sprachlicher Handlungsformen)