Donnerstag, 22. Dezember 2016

Was ist die Aufgabe eines Wörterbuchs?

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Es ist gar nicht so leicht, zwingend zu erklären, was die Aufgabe eines Wörterbuchs der deutschen Sprache ist: Soll ein Wörterbuch die „richtige“ oder die tatsächliche Schreibweise (und Bedeutung) von Wörtern dokumentieren?
Wenn man sich hierbei auf die tatsächliche Schreibweise festlegt, kommt man in Teufels Küche: Für jedes Wort gibt es viele Schreibweisen, die so stark voneinander abweichen, dass man oft kaum noch das gemeinte Wort erkennt; ich erinnere mich daran, dass am FMG ein Mädchen in der 5. Klasse einmal „vamudlech“ schrieb, womit sie „vermutlich“ meinte.
Wenn man sich aber dafür entscheidet, ein Wörterbuch solle die richtige Schreibweise festlegen, stellt sich sogleich die Frage: Wer entscheidet denn, was die richtige Schreibweise ist? Im Streit um die letzte Rechtschreibreform und auch danach haben wir gesehen, dass letztlich oft nicht zu klären ist, was „richtig“ ist, und dass dann auch nicht klar ist, wer darüber entscheiden soll, was richtig ist: eine nationale Konferenz (Wer kommt da hinein? Nach welchen Maßstäben entscheidet sie?), eine internationale Konferenz der deutschsprachigen Länder? Ein schönes Beispiel dafür, wie penetrant und beinahe lächerlich der Versuch ist, aufgrund eigener Einsicht in die Sprachgeschichte gegen die tatsächlichen Schreibweisen „richtige“ Schreibweisen durchsetzen zu wollen, ist „Kleines deutsches Wörterbuch für die Aussprache, Rechtschreibung, Biegung und Ableitung...“ von J. C. Adelung, in fünfter Auflage 1824 von Karl Benjamin Schade bearbeitet: https://archive.org/stream/bub_gb_5jgSAAAAIAAJ#page/n3/mode/2up; es genügt schon, die Artikel der ersten Seiten zu lesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie unsinnig das Bemühen ist, die eigene Einsicht zum einzigen Maßstab des Richtigen zu machen.
Letztlich wird sich ein Wörterbuch nach dem tatsächlichen Sprachgebrauch und der Schreibweise der halbwegs Kompetenten richten und die schlimmsten Auswüchse zu verhindern suchen – wobei wieder zu fragen ist, wer halbwegs kompetent ist und wann man von schlimmen Auswüchsen sprechen kann. Zu den halbwegs Kompetenten wird man die Schriftsteller und die großen Zeitungen zählen, aber über schlimme Auswüchse kann nur das eigene Sprachgefühl urteilen. So trägt man als jemand, der sich für halbwegs kompetent hält, durch seine Praxis des Sprechens und Schreibens dazu bei, dass die eigene Sprache deutsch bleibt.

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Denkfehler bei zusammengesetztem Hauptwort

„Hertha BSC könnte sich mit mindestens einem Punkgewinn gegen Darmstadt in der Tabelle vor Dortmund schieben.“ (www.kicker.de, 21.12.2016)
Hier sieht man schön, welche Schwierigkeiten der Umgang mit zusammengesetzten Hauptwörtern macht: „Punktgewinn“ ist aus „Gewinn“ und „Punkt“ zusammengesetzt; ein Punktgewinn ist der Gewinn eines Punktes (oder mehrerer Punkte). Das Grundwort ist also „Gewinn“: Ein Punktgewinn ist ein Gewinn. Das Bestimmungswort ist „Punkt“; damit wird angegeben, was denn gewonnen wird (vgl. https://norberto68.wordpress.com/2011/02/22/wortbildung-unterrichtsreihe/).
Gemeint war in dem Satz aus kicker.de, dass Hertha BSC mit Gewinn mindestens eines Punktes , also mit einem Unentschieden gegen Darmstadt, in der Tabelle an Dortmund vorbeiziehen würde. Aber das steht da nicht, es wird durch „mindestens“ ausgeschlossen: Mindestens einen Punkt müsste die Hertha gewinnen. Richtig wäre es also, von einem Gewinnpunkt zu sprechen, also „Punkt“ zum Grundwort und „Gewinn“ zum Bestimmungswort zu machen.
Diesen Fehler, sich bei einem zusammengesetzten Substantiv gedanklich auf das Bestimmungs- statt auf das Grundwort zu beziehen, findet man übrigens häufig.

Dienstag, 13. Dezember 2016

Welsh: Die Ohrfeigen - Text und Aufgaben

Renate Welsh
Die Ohrfeigen

Der Laden war voll. Ich stand eingekeilt zwischen meiner Großmutter und
dem Rücken eines fremden Mannes. Ich hatte die rosa Schweinsköpfe
gezählt, die von den obersten Fliesen grinsten, die Knöpfe am Mantel der
Frau Krebs, die Fliegenleichen in der Deckenlampe. Ich habe gerade zählen
5 gelernt. 

Die Leute hielten ihre Lebensmittelkarten fest in Hand. Jedes Stück Fleisch,
das Frau Krebs abschnitt, betrachteten sie genau. Die Köpfe neigten sich
nach links, wenn sie zum Hackstock ging, nach rechts, wenn sie das Fleisch
auf die Waage legte. Das war für kurze Zeit komisch, aber bald wurde es
10 langweilig. Ich begann leise vor mich hin zu singen:
   „Es geht alles vor über,
   es geht alles vorbei.
   Zuerst geht der Führer
   und dann die Partei.“
15 Eine Frau fragte: „Was singst du denn da?“

Ich wiederholte, diesmal lauter: „Es geht alles vorüber ...“ Meine
Großmutter packte meine Hand, dass es wehtat. „Aber Renate! Was fällt dir
ein?“ „Warum darf ich nicht singen?“, fragte ich. „Halt den Mund!“ Sie
drückte meine Hand noch fester. So redete sie sonst nie. Wenn wir „Halt den
20 Mund“ sagten, schimpfte sie: „So spricht man nicht.“ Was hatte sie gegen
das Lied? Es kam doch nicht ein einziges von den verbotenen Wörtern vor.
Keine Scheiße und nichts. Warum funkelte sie mich so an? „Der Papa singt
das auch!“, sagte ich laut.

Meine Großmutter holte aus und gab mir zwei Ohrfeigen, eine links und eine
25 rechts. Dann zog sie mich aus dem Geschäft. Sie renkte mir fast den Arm
aus, wie sie mich hinter sich herzog, mitten durch die dicht gedrängten
Menschen. Meine Großmutter, die sonst „Pardon“ sagte, wenn sie an einen
Sessel anstieß! Meine Wangen brannten. „Aber ich ...“ „Mund halten!“ Sie
schleifte mich hinter sich her. Zuerst war ich völlig verdattert. Dann rammte
30 ich die Füße in den Boden. „Ich will nicht!“ schrie ich. „Wenn der Papa ...“
Sie gab mir wieder zwei Ohrfeigen.

Nun war ich völlig überzeugt, dass sie mich nicht mehr lieb hatte. Ich hatte
es schon lang vermutet. Jetzt wusste ich es. Meine kleine Schwester war
eben herzig und ich nicht. Sie ließ sich immer an der Hand führen und ich
35 nicht. Ich weinte leise vor mich hin. Meine Großmutter hatte diesen Zug um 
den Mund, vor dem ich mich fürchtete. Die Hautfalten an ihrem Hals
zitterten.

Als wir heimkamen, ließ sie sich in einen Sessel fallen. „Das Kind nehme
ich nie wieder mit!“, sagte sie zu meiner Tante. „Die bringt uns noch alle ins
40 KZ.“ „Was ist das?“, fragte ich. „Großer Gott!“ Sie drehte mich herum, 
stellte mich zwischen ihre Knie und nahm meine beiden Hände in ihre. „Hör
mir gut zu: Solche Dinge darfst du nie wieder sagen. Das ist gefährlich.
Merk dir das. Du willst doch nicht, dass sie deinen Papa einsperren und uns
alle mit?“ „Nein“, sagte ich. Meine Wangen brannten noch immer. Ihr
45 Ehering hatte eine Schramme hinterlassen. Sie holte ein Messer, hielt es
unter fließendes Wasser, drückte die flache Seite auf meine Wange. „Ist
schon gut“, sagte sie. „Ist schon wieder gut.“

Ich verkroch mich unter dem Klavier. Seit meine Mutter vor einem Jahr
gestorben war, spielte meine Großmutter nicht mehr Klavier. Es stand nur
50 da, schwarz und glänzend, und trug die Silberrahmen mit den Fotos meiner
Mutter. Zuerst weinte ich eine Weile, dann spielte ich mit den weißen
Puppen, die niemand sehen konnte. Ich konnte sie selbst nicht sehen. Ich tat
nur so als ob. Meine richtigen Puppen waren bei unserer überstürzten
Abfahrt in Wien geblieben.

55 Plötzlich fiel mir ein, dass ich dieses merkwürdige Wort „KZ“ schon einmal 
gehört hatte. Eine Tante hatte es gesagt, die zum Begräbnis meiner Mutter
aus Polen gekommen war. Alle hatten damals geweint, auch die schiefe
Bedienerin aus der Bäckerei und der böse Nachbar mit dem Schnurrbart.
Aber sie hatte anders geweint. Sie hatte gezittert, wenn jemand mit ihr
60 redete. Und als sie das Wort gesagt hatte, hatten die Erwachsenen einander  
angesehen mit diesen Erwachsenenblicken. Mich hatten sie aus dem Zimmer
geschickt. Genau so, wie sie mich in den Monaten vorher aus dem Zimmer
geschickt hatten, wenn von Mutters Operation die Rede war. Ich weinte
wieder. Aber diesmal kam niemand und streichelte mich und sagte „Armes
65 Kind“.

An dem Abend wartete ich noch ungeduldiger als sonst, bis mein Großvater
aus dem Büro nach Hause kam. Als er dann endlich da war, setzte ich mich
auf seinen Schoß und verkroch mich in seinem Hausrock. Mein Großvater
hatte immer alle meine Fragen beantwortet. Aber jetzt konnte auch er mich
70 nur hin und her wiegen, als wäre ich noch ein ganz kleines Kind. Er konnte 
nicht sagen, dass mein Vater in Gefahr war, weil er meine herzkranke Tante
Gretl versorgte, die Halbjüdin war, und weil er die Familie seines
ehemaligen Sanitätsgehilfen unterstützte, der Kommunist war. „Renaterle“,
sagte er, „das kann ich dir nicht erklären, weil es nicht erklärbar ist. Und es
75 hat gar nichts damit zu tun, dass du noch klein bist, glaub mir.“

Aus: Damals war ich vierzehn. Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 2005


Aufgaben:
1. Stelle dar, woran man merkt, dass die Kurzgeschichte im Zweiten Weltkrieg spielt!
2. „Es geht alles vorüber...“ ist der Refrain eines Schlagers von 1942: „Es geht alles vorüber,  es geht alles vorbei, / auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai. / Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, / doch zwei die sich lieben, die bleiben sich treu.“
Erkläre kurz, warum man für ein kritisches Lied auf einen Schlager zurückgreift!
3. Führe den Satz in Zeile 28 und in Zeile 30 zu Ende! Was wollte das Mädchen sagen?
- Z. 28 „Aber ich ...“
- Z. 30 „Ich will nicht!“ schrie ich. „Wenn der Papa ...“
4. Erläutere, warum die Großmutter zornig wird und das Kind ohrfeigt! Nimm anschließend Stellung zum Verhalten der Großmutter.
5. Frau Krebs erzählt abends ihrem Mann von ihrem Erlebnis im Metzgerladen:
„Heute Nachmittag kam eine alte Dame in den Laden...“
Führe die Erzählung fort und lass’ dabei deutlich werden, wie Frau Krebs den Vorfall beurteilt! (Beachte dabei, was Frau Krebs nicht erlebt und daher nicht weiß.)
6. Nenne fünf Merkmale einer Kurzgeschichte, die du in dieser Geschichte gefunden hast. Belege diese am Text! [In Wirklichkeit handelt es sich um einen Auszug aus einem Roman; die Ich-Erzählerin ist ziemlich komplex, die Zeitstruktur geht mit deren Erinnerungen deutlich über den einen Tag hinaus.]
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Zu Welsh: Die Ohrfeigen – Übung: Antonyme

Ordne folgenden Wörtern dieser Erzählung das passende Antonym aus der Liste zu:

Großmutter (Z. 1)   ________________________
Fliegenleichen (Z. 4)   ________________________
Lebensmittelkarten (Z. 6)   ________________________
lauter (Z. 16)   ________________________
verboten (Z. 21)   ________________________
vermuten (Z. 33)   ________________________
herzig (Z. 34)    ________________________
Mund (Z. 36)   ________________________
zittern (Z. 37)   ________________________
Sessel (Z. 38)   ________________________
KZ (Z. 40)   ________________________
Ehering (Z. 45)   ________________________
Klavier (Z. 48)   ________________________
weiße (Z. 51)   ________________________
Wien (Z. 54)   ________________________
Polen (Z. 57)   ________________________
Schnurrbart (Z. 58)   ________________________
Büro (Z. 67)   ________________________
wiegen (Z. 70)   ________________________
versorgen (Z. 72)   ________________________
unterstützen (Z. 73)   ________________________
klein (Z. 75)   ________________________
Liste der Antonyme: Stuhl, Tisch, gehorsam, leise, Werkstatt, betreuen, sich röten, Großvater, Regenschirme, ansehen, informieren, Kacheln, dumm, hässlich, Gefängnis, neue, rote Nase, wissen, Augen, Fingernagel, Bayern, München. (Die Antonyme sind nicht immer trennscharf zu unterscheiden, es kann zu Verwechslungen kommen.)
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Erläuterung: Merkmale von Kurzgeschichten
  • Normalerweise besitzt der Text einen geringen Umfang.
  • Der Einstieg ins Geschehen erfolgt meistens unvermittelt, also ohne Einleitung
  • Selten gibt es größere Zeitsprünge; das erzählte Geschehen ist chronologisch geordnet.
  • Die erzählte Zeit ist sehr kurz, entsprechend auch das erzählte Geschehen.
  • Orte und Schauplätze sind häufig nicht benannt.
  • Protagonisten sind einige normale Personen, wir erfahren wenig über ihren Charakter.
  • Es geht häufig um Themen aus dem Alltag.
  • Der Schluss der Kurzgeschichte ist meist offen.
  • Das Ende besteht oft aus einer überraschenden Wendung.
  • Meistens gibt es keinen auktorialen Erzähler, sondern einen neutralen, der auch personal erzählt.
  • Die Bedeutung des Geschehens kann anhand von Symbolen oder Leitmotiven bzw. aus dem erzählten Geschehen erschlossen werden.
  • Der Leser kann das erzählte Geschehen völlig frei selbst beurteilen.   

Montag, 12. Dezember 2016

Symbol und Leitmotiv in Kurzgeschichten (Beispiele)

Es gilt als Grundsatz, dass in Kurzgeschichten der Erzähler sich mit Erklärungen und seiner Bewertung des Geschehens zurückhält und dass der Leser die Bedeutung des Geschehens anhand von (Metaphern,) Symbolen oder Leitmotiven erschließen muss. Nun besteht das Problem natürlich darin, dass im Text an den Wörtern keine Kärtchen hängen, auf denen „Metapher“, „Symbol“ oder „Leitmotiv“ stände – dass so etwas vorliegt, muss man als Leser selber sehen oder spüren.

Dabei besteht dann die Gefahr, dass man auf der Suche nach Symbolen oder Motiven zu spinnen beginnt und in jeder Einzelheit eine tiefere Bedeutung zu finden vermeint. Ich habe das exemplarisch für Bölls Erzählung „Wanderer, kommst du nach Spa...“ nachgewiesen (https://norberto42.wordpress.com/2009/09/01/boo-wanderer-kommst-du-nach-spa-analyse/), wo sogar der grünen Wandfarbe eine Hoffnungsbedeutung zuerkannt wurde (siehe am Ende meiner Analyse). Nein, „Bedeutung“ muss in das Ganze des erzählten Geschehens passen und darf nicht isolierten Einzelheiten angehängt werden.

Ich möchte an einigen Beispielen zeigen, wie sich solche „tiefere“ Bedeutung aus dem Kontext ergibt:

1. In Borcherts Kurzgeschichte „Das Brot“ begegnen sich die Eheleute „im Hemd“ in der Küche und damit im Licht; dreimal wird „im Hemd“ vom Erzähler erwähnt, was zeigt, dass er darauf Wert legt: Beide erkennen im Licht, wie alt der Partner „im Hemd“ wirklich ist; wenn man im Hemd vor dem anderen steht, kann man nichts mehr durch Kleidung und Frisur beschönigen, dann zeigt sich die Wahrheit des Menschen.

„Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hochkroch.“ Diese Kälte ist m.E. nicht nur eine Kälte der Fliesen, sondern auch eine Kälte in der Beziehung der Eheleute, als die Frau entdeckt, dass ihr Mann sie belügt. Der erklärende Satz folgt unmittelbar auf die zweite Erwähnung der kalten Fliesen: „Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log.“ Mit seinem Lügen stellt er sie Liebe in Frage, das spürt sie als Kälte, die an ihr emporkriecht.

Für das Verhältnis von Wahrheit und Lüge steht in dieser Erzählung symbolisch vermutlich auch das Licht, das die Frau in der Küche anmacht und schließlich ausmacht, um nicht nach dem Teller – dem Beweis des Lügens – sehen zu müssen. Auch am nächsten Abend, als sie ihrem Mann vier statt der üblichen drei Scheiben Brot anbietet und selber dafür lügt, sie könne das Brot nicht vertragen, rückt sie zuerst von der Lampe weg (damit er nicht ihr Gesicht sieht) und kehrt erst nach einer Weile unter die Lampe zurück; dass dies erwähnt wird, fällt im Zusammenhang von Licht-Dunkel und Wahrheit-Lüge auf. „Licht“ und „im Hemd stehen“ sind dieser Erzählung also Symbole.

2. In Schnurres Erzählung „Jenö war mein Freund“ ist die Igeljagd und das Braten der Igel am offenen Feuer ein Leitmotiv; es steht für das naturnahe „wilde“ Leben der Zigeuner, von dem der Ich-Erzähler als Junge fasziniert war: „Jenö war mein Freund.“

3. In Brambachs Erzählung „Känsterle“ hat vielleicht das trübe Licht auf dem Dachboden symbolische Bedeutung: In dieses Trübe wird Herr Känsterle von seiner Frau hineingezwungen, durch das ihm aufgezwungene Amt des Nikolaus. Ob man dem das Glitzern in den Augen Herrn Hansmanns entgegenstellen darf? Vielleicht ist das Glitzern nur das Zeichen des Verstehens und des Einverständnisses, das sich ja auch aus seiner Frage ergibt: „Mein lieber Känsterle, ist das alles?“ Sicher scheint mir der letzte Satz der Erzählung sowohl eine gegenständliche wie auch eine symbolische Bedeutung zu haben: „Ein kalter Wind zieht durch die Stube.“ Die Fenster sind zertrümmert, es zieht durch sie. Aber auch die von Frau Känsterle erbaute und zerstörte heile Familienwelt liegt in Trümmern, weil ihr Mann den Terror der Hausfrau nicht mehr ertragen konnte und zugeschlagen hat. Da weht jetzt auch nur noch ein kalter Wind.

Fazit: In den drei Beispielen haben wir Motive (im Hemd stehen, die Igel) und Symbole (Licht, Kälte, kalter Wind) gefunden, wobei „im Hemd“ auch zu den Symbolen gezählt werden kann. Eine Metapher haben wir bisher nicht gefunden – allerdings ist die Abgrenzung der Metapher vom Symbol nicht einfach. Vielleicht haben Metaphern aber auch eine zu geringe Reichweite, als dass sie die Bedeutung einer ganzen Erzählung tragen könnten.
Das sieht man etwa an der Metapher „Bottiche“ für die übergroßen Stiefel des verstorbenen Herrn Weckhammer (Brambach: Känsterle), die nur in den unmittelbaren Kontext passt und für das Verständnis des Geschehens irrelevant ist, also auch fehlen könnte.
 





„Als Leitmotiv bezeichnet man in der Literatur

  • eine einprägsame und im gleichen Wortlaut wiederkehrende Aussage
  • oder eine thematische Einheit,

die der Gliederung des Erzählten und oft der Repräsentation der Handlung bzw. der Entwicklung der Protagonisten eines literarischen Werkes dient.

Van der Steenhoven unterscheidet „situationelle“ und „textliche“ Leitmotive. Textliche Leitmotive wiederholen Wörter oder größere Texteinheiten, situationelle Leitmotive dagegen Handlungen oder Situationen. [...] Ein Beispiel für ein textliches Leitmotiv wäre die Wiederholung der Wendung „Ein weites Feld“ in Theodor Fontanes Roman Effi Briest. [..]

Ein Beispiel in der Literatur für die Technik des Leitmotivs stellen die Zahnprobleme der Protagonisten als wiederkehrendes Symbol für den Verfall der Familie Buddenbrook im gleichnamigen Roman von Thomas Mann dar.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Leitmotiv)

Montag, 5. Dezember 2016

R. Brambach: Känsterle - Aufgaben und Analyse

Überprüfe, was wirklich im Text steht:
1. Streiche die falschen Sätze mit Bleistift durch;
2. notiere zu den richtigen Sätzen die passende Textstelle (Zeilenangabe).

Sätze:
Das erzählte Geschehen spielt zwei Wochen vor dem Nikolaustag.
Das erzählte Geschehen spielt an einem Abend.
Känsterle zieht sich auf dem Speicher (Dachboden) um.
Familie Weckhammer besitzt ein vollständiges Nikolauskostüm.
Als er gestürzt ist, bleibt Känsterle lange liegen.
Als seine Frau verschiedene Reparaturen vorschlägt, hört Känsterle nicht zu.
Der „Held“ der Erzählung heißt Wallfried.
Frau Känsterle heißt mit Vornamen Elfriede.
Känsterle soll im Frühjahr Fenster anstreichen.
Im Fernsehen wird ein Fußballspiel gezeigt.
Känsterle stolpert als Nikolaus und fällt die Treppe hinunter.
Herr Hansmann wird Känsterle als Vorbild vorgehalten.
Känsterle ist schließlich so wütend, dass er seine Frau schlägt.
Er stopft Prospekte in seine Stiefel.
Seine Frau hat Geschirr gespült.
Sie hat unter anderem Coca-Cola und Äpfel gekauft.
Herr Hansmann hat Verständnis für Känsterles Zorn.
Die Nachbarn hören Lärm und kommen ins Treppenhaus.
Die Kinder freuen sich, dass auch die Eltern einmal Streit haben.
Herr Weckhammer ist kürzlich verstorben.
Känsterle will nicht für die Kinder Nikolaus spielen.
Das Nikolauskostüm ist Känsterle viel zu groß.
Frau Känsterle hat die Nikolausgeschenke eingekauft, ohne ihren Mann zu fragen.


Lösung
Richtige Sätze:
Das erzählte Geschehen spielt an einem Abend. (Zeile 1)
Der „Held“ der Erzählung heißt Wallfried. (1)
Känsterles Frau hat Geschirr gespült. (3 f.)
Känsterle soll im Frühjahr Fenster anstreichen. (6 f.)
Herr Hansmann wird Känsterle als Vorbild vorgehalten. (13 f.)
Herr Weckhammer ist kürzlich verstorben. (16 f.)
Familie Weckhammer besitzt ein vollständiges Nikolauskostüm. (20 ff.)
Känsterle will nicht für die Kinder Nikolaus spielen. (25 f.)
Frau Känsterle hat die Nikolausgeschenke eingekauft, ohne ihren Mann zu fragen. (29 f.)
Das Nikolauskostüm ist Känsterle viel zu groß. (33 ff.)
Känsterle zieht sich auf dem Speicher (Dachboden) um. (36 ff.)
Känsterle stolpert als Nikolaus und fällt die Treppe hinunter. (41 ff.)
Känsterle ist schließlich so wütend, dass er seine Frau schlägt. (49)
Die Nachbarn hören Lärm und kommen ins Treppenhaus. (54 ff.)
Herr Hansmann hat Verständnis für Känsterles Zorn. (57 ff.)

Falsche Sätze:
Im Fernsehen wird ein Fußballspiel gezeigt.
Als seine Frau verschiedene Reparaturen vorschlägt, hört Känsterle nicht zu. (Dieser Satz könnte wegen Z. 9 auch als richtig gelten.)
Das erzählte Geschehen spielt zwei Wochen vor dem Nikolaustag.
Frau Känsterle heißt mit Vornamen Elfriede.
Sie hat unter anderem Coca-Cola und Äpfel gekauft.
Känsterle stopft Prospekte in seine Stiefel.
Als er gestürzt ist, bleibt Känsterle lange liegen.
Die Kinder freuen sich, dass auch die Eltern einmal Streit haben.

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Übung zum Wortschatz (Antonyme) – zu Brambach: Känsterle
Wenn man schreibt und ein Wort wählt, hat man viele andere nicht schreiben wollen. Vor dem Hintergrund des Gegenteils (eines nicht gewählten Gegenwortes, eines Antonyms) wird die Bedeutung eines Wortes erst richtig klar. – Oft gibt es mehrere mögliche Antonyme; oft wird erst im Kontext klar, welches Antonym wirklich passt.

Aufgabe: Suche zu aufgelisteten Substantiven der Erzählung Brambachs das im Kontext passende Antonym und schreibe es auf. Beginne mit den Antonymen, bei denen du dir sicher bist, dass sie passen:
der einfache Arbeiter ______________________
Feierabend   ______________________
Buben   _______________________
Küche   ________________________
Frühjahr   ________________________
Parterre   ________________________
Ferien   ________________________
Schwarz   ________________________
Herzschlag   ________________________
Witwe   _________________________
Nikolauskostüm   __________________________
Redner   __________________________
Kopf   __________________________
Konsum   __________________________
trübes Licht   __________________________
Dachboden   __________________________
Stiefel   __________________________
Sack   __________________________
Backpfeife   __________________________
Scherben   __________________________
Türen   __________________________

Liste der möglichen Antonyme:
Weiß, Hintern, Beutel, Anzug, Mädchen, ein geübter Redner, Geschirr, Ehefrau, Fenster, Arbeitszeit, Keller, Wohnzimmer, Feinkostgeschäft, Herbst, Handwerker, Obergeschoss, Handschuhe, Zärtlichkeit, Unfall, strahlende Helle, Wochenende

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Analyse
Welche Merkmale von Kurzgeschichten findest du in Brambachs „Känsterle“?
Ich finde folgende Merkmale:


  • Die Erzählung besitzt mit 59 Zeilen einen geringen Umfang.
  • Der Einstieg ins Geschehen ist unvermittelt, ein Mann sitzt vor dem Fernseher; nur die Angabe „ein einfacher Schlosser“ (Z. 1) kann als eine Art Einleitung angesehen werden, weil der Mann damit kurz vorgestellt wird.
  • Wir finden einen Zeitsprung (Z. 31). Das Geschehen spielt zunächst an einem Abend, zwei Tage vor dem Nikolausfest (Z. 15): ein Gespräch zwischen den Eheleuten Känsterle. Nicht erzählt wird, wie Känsterle das Kostüm abholt und wie er auf den Dachboden steigt. Dann wird wieder erzählt, wie Känsterle sich dort als Nikolaus ankleidet und handelt (Z. 31 ff.), wahrscheinlich einen Tag später, am Vorabend des Nikolaustages (5. Dezember); es ist nämlich unwahrscheinlich, dass der Nikolaus erst am Abend des 6. Dezember den Kindern etwas bringen soll. Die beiden Ereignisse werden der Reihe nach erzählt.
  • Das Gespräch der Eheleute dauert höchstens 3-5 Minuten; die Nikolausaktion und das Zertrümmern der Einrichtung dauern etwa 15-30 Minuten. Die Dauer des erzählten Geschehens ist also ziemlich kurz.
  • Von den Charakteren ist nur bekannt, dass sie Schlosser und Hausfrau sind; die Frau erweist sich als sehr herrisch gegenüber ihrem Mann; sie gibt ihm dauernd Befehle oder Aufträge (Z. 3; Z. 6 ff.; Z. 11; Herr Hansmann als Vorbild,  Z. 13 f.; sie erteilt ihm den Auftrag, das Kostüm zu holen, ohne ihn zu fragen, Z. 22 f.; sie hat schon entschieden, dass er den Nikolaus spielt, wieder ohne ihn zu fragen, Z. 28 ff.).
  • Schauplatz des Geschehens ist die Wohnung der Eheleute Känsterle (Z. 1 ff.), der Dachboden (Z. 31 ff.), das Treppenhaus und der Flur in einem Mehrfamilienhaus (Z. 54 ff.). Wo das Haus steht, wird nicht gesagt.
  • Thema ist das Verhältnis der Eheleute Känsterle und die Herrschsucht der Frau (s.o. zu „Charaktere“), die ihn zur Verzweiflung treibt.
  • Die Eheleute sind kleine Leute, also ganz normale Personen.
  • Der Schluss ist offen – es wird nicht einmal angedeutet, wie es nach dem Zornesausbruch Känsterles und der Verwüstung der Wohnung weitergeht, ob die beiden sich also versöhnen oder nicht.
  • Der letzte Satz hat vermutlich eine symbolische Bedeutung; der kalte Wind (Z. 59) zeigt nämlich auch an, wie die Stimmung der Personen ist.
  • Gelegentlich werden Känsterles Empfindungen und Gedanken berichtet, da wird also auktorial erzählt (evtl. der Kommentar „Wo denn sonst?“, Z. 2; „hilflos“, Z. 25; sein Gemüt verdüstert sich, Z. 31; evtl. „In Känsterles Ohner trillert's“,  Z. 44; er fühlt sich elend, Z. 58); insgesamt wird neutral erzählt, also aus der Perspektive eines unbeteiligten Beobachters.
  • Die Bedeutung des Geschehens kann man aus dem Auftreten Rosas (s.o.) und dem Einverständnis Herrn Hansmanns mit Känsterles Wutausbruch (Z. 57 f., vgl. dagegen die Sicht der Frau, Z. 13 f.!) als Frage erschlossen werden: Wie muss man miteinander umgehen, wenn man in Frieden leben will?
  • Der Erzähler bewertet das Geschehen nicht; der Leser ist also völlig frei, ob er den Wutausbruch Känsterles versteht und billigt oder den Mann als unbeherrscht verurteilt.
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