Mittwoch, 14. Februar 2018

Denkerziehung am Gymnasium?

Durch Denken lernt man reden, wissenschaftlich reden. Dies ist ein Vermögen, welches jede Wissenschaft braucht, und hieraus begreift sich der allgemeine und praktische Nutzen der Logik. Und auf der anderen Seite lernt man denken am besten durch das Studium vortrefflicher Schriftsteller. Man lese in logischer Absicht z.B. platonische Gespräche, lessingsche Schriften wie den Laokoon, zergliedere die Rede, mache sich den Gedankenbau bis ins einzelne klar, merke auf jede logische Verknüpfung: das ist die fruchtbarste Art der logischen Erziehung. Nicht anders sollte die Logik auf den höheren Schulen gelehrt werden.“
(Kuno Fischer: System der Logik und Metaphysik oder Wissenschaftslehre. Dritte Auflage Heidelberg 1909, S. 14 =
https://archive.org/stream/systemderlogiku03fiscgoog#page/n37/mode/2up)

Mit dem Postulat der Denkerziehung ist die Notwendigkeit verbunden, Fehler zuzulassen. Nur wer selber denkt, kann Fehler begehen (aus deren Analyse anschließend alle etwas lernen können) - wer nicht denkt, sondern rät, kann vielleicht einen Missgriff tun, wie man bei der Losbude eine Niete zieht, aber er begeht keinen Fehler.
Zur Denkerziehung gehört auch, dass man Lösungsvorschläge gegeneinander abwägt und dabei fragt, was für die eine und was für die andere Lösung spricht. Die Lösung des Lehrers ist dabei sicher favorisiert, aber nicht eo ipso die beste.
Zur Denkerziehung gehört drittens, dass man den Spruch "Das ist meine Meinung" nicht als Argument gelten lässt ["Sie müssen auch andere Meinungen gelten lassen..." - nein, es werden niemandes Meinungen zugelassen!]; nur Äußerungen, die sachlich begründet werden, sind im Gespräch zugelassen - unbegründete Meinungen kann man zu Hause haben. Dem besseren Argument wird sich auch der Lehrer beugen, damit vergibt er sich nichts. Vielleicht muss man sich als Lehrer noch einmal sachkundig machen (und damit die Entscheidung, was richtig ist, aufschieben); auch damit vergibt man sich nichts - die Schüler merken sehr wohl, wenn es dem Lehrer um die Sache und nicht ums recht Haben geht.

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