Dienstag, 5. November 2019

Kreativ schreiben: eine Pointe ergänzen


Wo steckt der Witz?
Als zu Tisch einmal der Wein ausging, sagte der Hausherr zu seinem Diener, dem Zigeuner: „Geh, hol aus dem Wirtshaus frischen Wein!“ - Der Zigeuner muckst sich nicht. - „Nun, was stehst denn da? Warum gehst du nicht?“ - „Herr, gib Geld!“ - „Narr, der du bist, ist‘s denn eine Kunst, Wein zu holen, wenn man Geld hat? Hol mal einen ohne Geld. Zeig deinen Zigeunerverstand!“ - Der Zigeuner geht weg, kommt nach einer Weile zurück und stellt vorsichtig die Flasche vor den Herrn hin. Der Herr greift nach der Flasche und will einschenken, kein Tropfen Wein da! Entrüstet ruft er aus: „Zigeuner, wo ist der Wein?“ - „Ja, Herr, ist‘s denn eine Kunst, Wein zu trinken, wenn man einen hat? Trink mal einen, wenn keiner da ist. Zeig deinen Herrenverstand!“ - Darüber lachten alle und sagten, der Zigeuner habe mehr Verstand als sein Herr. (Zigeunerhumor. 250 Schnurren, Schwänke und Märchen, von Friedrich S. Krauss. Leipzig 1907, S. 168 f.)
 
In dieser Anekdote (Schwank) wird die goldene Regel angewandt, Gegenseitigkeit (Reziprozität) als ein elementares Prinzip menschlichen Zusammenlebens: Wie du mir, so ich dir (Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem andern zu.). Der Witz liegt darin, dass sie analog verschoben wird: Ohne Geld Wein kaufen → ohne Wein Wein trinken. Die Findigkeit des Dieners, hier eines Zigeuners, besteht darin, diese Analogie zu finden und sich so des unsinnigen Auftrags, ohne Geld Wein zu holen, zu entledigen.
Es gibt viele ähnlich gebaute Erzählungen. Eine davon ist in aller Ruhe mit den Schülern zu analysieren. Wenn sie das Prinzip verstanden haben, kann man versuchen, die Schüler entsprechende Antworten finden zu lassen – das schult den Geist und ist eine echt kreative Übung. Dann präsentiert man den Schülern den Text, allerdings ohne die analoge Antwort (die hier in anderen Typen gesetzt ist), welche die Schüler zu finden haben. Ich führe gleich weitere Beispiele an und weise jetzt nur noch darauf hin, dass im vorliegenden Text der letzte abrundende Satz eigentlich überflüssig ist – ohne ihn stände die Pointe deutlich am Schluss.

Weitere Beispiele solcher Geschichten, hier von Nasreddin Hodscha aus einer Sammlung seiner Geschichten:
 
Eine weitere Geschichte kann ich zuerst in einer Kurzfassung abdrucken:
Eines Tages ging Nasreddin über den Basar, als er aus einer Gasthausküche Schreie hörte. Der Wirt schimpfte: „Dieser Landstreicher hat einen Fladen aus der Tasche geholt und diesen solange über meinen Bratspieß gehalten, bis er nach Fleisch roch. Und jetzt zahlt er nicht.“ Nasreddin forderte den Bettler auf, sein Geld rauszuholen. Er schüttelte dessen Faust mit den Münzen und sprach zum Wirt: „Er hat den Duft deines Bratens gerochen und du hast den Klang seines Geldes gehört. Jetzt seid ihr quitt!“

Dann die längere Fassung:
Der Klang des Geldes
Nasreddin ging durch den Bazar. Er hörte Geschreie aus einer Garküche. Nasreddin rannte sofort hin, um nachzusehen, was dort geschah. Er sah einen Wirt, der einen Bettler am Kragen schüttelte, nur weil der Bettler nicht zahlte. Nasreddin fragte, was los sei. Der Wirt brüllte: „Dieser Landstreicher holte einen Fladen aus der Tasche und hielt den Fladen solange auf dem Bratspieß, bis er nach Fleisch roch und doppelt so gut schmeckte, und jetzt zahlt er nicht.“ Daraufhin sprach Nasreddin zum Bettler: „Es ist nicht gut, fremdes Gut ohne Bezahlung zu benutzen. Hast du Geld?“ Der Bettler holte ein paar Münzen aus der Tasche und der Wirt streckte seine Hand aus, aber Nasreddin sprach plötzlich: „Warte, Meister des Wohlgeschmacks, hör mal genau zu!“ Nasreddin schüttelte eine Weile die Faust, in dem sich die Münzen befanden und es klimperte. Er gab dem Bettler das Geld zurück und rief: „Gehe hin, in Frieden!“ Der Wirt sprach erschrocken: „Aber ich hab das Geld doch überhaupt nicht bekommen.“ Nasreddin dagegen: „Er hat den Duft deines Bratens gerochen und du hast den Klang seines Geldes gehört. Jetzt seid Ihr quitt!“

Eine weitere Geschichte:
Der Topf
Nasreddin gab seiner Nachbarin einen geliehenen Topf zurück und bedankte sich bei ihr dafür. An einem anderen Tag sagte die Nachbarin: „Mullah, du hast einen kleinen Topf in meinem Topf vergessen.“ Mit einem ernsten Ton sprach der Mullah: „Der Topf war schwanger und hat bei mir ein Baby bekommen.“ Als sich der Mullah wieder einmal einen Topf bei der Nachbarin leihen wollte, gab sie ihm den größten, den sie im Hause hatte. Mehrere Tage vergingen und der Mullah brachte den Topf nicht zurück. Schließlich fragte die Nachbarin: „Wo ist mein Topf?“ Der Mullah sprach ihr sein Beileid aus: „Er ist leider gestorben.“ – „So ein Unsinn“, erwiderte die Nachbarin, „wie kann ein Topf denn sterben?“ – „Wenn Töpfe Junge bekommen können, dann können sie auch sterben“, antwortete der Mullah.


Montag, 4. November 2019

Darf man heute "Zigeuner" sagen?


Der Zigeuner, des -s, plur. ut nom. sing. Fäm. die -inn, der Nahme eines herum streifenden ausländischen Gesindels, welches bald nach dem Anfange des 15ten Jahrh. in Deutschland und dem westlichen Europa bekannt ward, aus den östlichen Gegenden kam, und aus Egypten herstammen wollte, daher sie in manchen Europäischen Sprachen auch Egyptier genannt werden. Einigen neuern Entdeckungen zu Folge soll dieses Volk von der Indostanischen Gränze herstammen […]. Der Nahme ist aus dem Pers. Zengi, Türk. Tschingane, daher denn das Russ. und Ungar. Tzigan. In Niedersachsen nennet man sie Tatarn, weil man sie daselbst für Tartarischer Abkunft hielt.
So steht es in Adelungs „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Sprache“, 4. Band, 1801. Wesentlich dezenter wird im Brockhaus Conversations-Lexikon 1809 von den Zigeunern gesprochen: Die Zigeuner, ein Volk, das sich von jeher einen Namen, wenn gleich nicht von der besten Art, gemacht hat, wurde zuerst ungefähr 1417 bekannt. […] Sie führen bekannter Maßen eine unabhängige freie Lebensart, lieben Musik und Tanz, und verdienen sich damit, so wie durch ihre Wahrsagekünste, wohl auch durch Handarbeit ihr Brot. [...] Auch haben sich die Regenten (Catharina II. Maria Theresia, Joseph II.) viel Mühe gegeben, das Volk nach und nach zur Feldarbeit oder zu Handwerken, auch zum Kriegsdienst anzugewöhnen, oder sie den übrigen Nationen einzuverleiben; allein noch scheinen diese Zwecke nicht sehr erreicht worden zu sein.
Insgesamt neutral wird auch 100 Jahre später in Meyers GroßemKonversations-Lexikon über die Zigeuner informiert; es finden sich jedoch kritische Untertöne. Und dann liest man schwarz auf weiß: Die Z. fanden anfangs wohl überall eine gute Aufnahme, wurden aber infolge ihrer Betrügereien und Diebstähle bald auf das grausamste verfolgt, ohne daß man jedoch das unheimliche Volk auszurotten vermochte. (Band 20, 1909 – zwei Schreibfehler von mir korrigiert)
Die Zigeuner blieben über Jahrhunderte in allen Ländern Fremde und wurden schlecht behandelt, oft verfolgt, am schlimmsten weil systematisch im Dritten Reich. So ist in den letzten Jahrzehnten ein Streit um den Namen „Zigeuner“ entstanden, den man politisch korrekt jetzt durch „Roma“ ersetzen soll, wie man breit im Wikipedia-Artikel (und im DWDS) nachlesen kann. Dagegen gibt es aber auch von Seiten der Zigeuner Widerstand, wie Rolf Bauerdick berichtet.
Die Zigeuner/Roma waren also überall Fremde, damit Außenseiter und aller Untaten verdächtig. Das zeigt sich in Sprichwörtern, wo man die Meinung des Volks unzensiert hört (Quelle ist Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon Bd. 5, 1880):
Den Zigeuner betrügt der Jude, den Juden der Grieche und den Griechen der Teufel. (Hier werden verschiedene Betrügergruppen genannt, unter denen Zigeuner nicht einmal die schlimmsten sind.)
Der Zigeuner verkauft um einen Groschen seine Seele und um einen Heller seine Tochter. (Vielleicht wird im ersten Satz darauf angespielt, dass Zigeuner sich ohne große Bedenken verschiedenen Religionen anpassten, wenn es günstig war. Gegen den zweiten Satz steht das Sprichwort: Ein Zigeuner hat sein Kind lieb, und wäre es auch schwarz, wie der Satan. Dieses Sprichwort kann man übrigens auf jede Mutter und jeden Vater übertragen.)
Was dir ein Zigeuner gestohlen, kann nur ein anderer wieder holen.
Wenn der Zigeuner nicht stiehlt, er nicht als Mensch sich fühlt. (Diese beiden Sprichwörter brauchen nicht kommentiert zu werden; sie schlagen sich im Meyers-Artikel nieder und man fragt sich, ob das bloß Vorurteile sind oder Urteile, die vielleicht doch auf vielfacher Erfahrung beruhen.)
Bemerkenswert ist nun, dass in der Aufklärung das „Lob der Zigeuner“ durch Friedrich Hagedorn (1708-1754) erklingt: Ihre andersartige Lebensweise gilt – hier noch etwas hölzern – als vorbildlich:
Uraltes Landvolk, eure Hütten
Verschont der Städter Stolz und Neid;
Und fehlt es euch an feinen Sitten,
So fehlt's euch nicht an Fröhlichkeit,
Ihr scherzt auf Gras und unter Zweigen,
Ohn' allen Zwang und ohne Zeugen.
[…]
Ihr rennet nicht nach hohen Ehren:
Ihr wünscht euch nicht an Titeln reich.
Kein Zwiespalt in geweihten Lehren,
Kein Federkrieg verhetzet euch.
Ihr seid (was kann den Vorzug rauben?)
Von Einer Farb' und Einem Glauben.
Das schönste Zigeuner-Gedicht stammt von Nikolaus Lenau (1802-1850):
Die drei Zigeuner
Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeif im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Zimbal am Baum hing,
Über die Saiten der Windhauch lief,
Über sein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt
Und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun
Mußt ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern dunkelbraun,
Den schwarzlockigen Haaren.
Hier spricht der Romantiker, der auch noch weitere Zigeuner-Gedichte verfasst hat (http://www.zeno.org/Literatur/M/Lenau,+Nikolaus/Gedichte/Gedichte/Fünftes+Buch/Mischka), ebenso wie Georg Friedrich Daumer (http://www.zeno.org/Literatur/M/Daumer,+Georg+Friedrich/Gedichte/Hafis/Poetische+Zugaben/Zigeunerisch, 1846).
Mein Fazit: Man darf auch heute noch „Zigeuner“ sagen, wenn man das Wort nicht abschätzig verwendet.
Man findet die alten Belege (und viele schöne Sagen und Märchen zum Thema), wenn man bei http://www.zeno.org in der Suchmaske das Wort Zigeuner eingibt; siehe zum Beispiel https://also42.wordpress.com/2019/11/05/geschoepf-sein-theorie-oder-erfahrung/.