Dienstag, 22. September 2020

Schwulenfeindschaft? Oder falsch gelesen?

 

In der BILD vom 21. September 2020 muss ein Merz-Interview gestanden haben. Leider kenne ich den Bild-Artikel nicht, sondern nur die Berichterstattung über das Interview in anderen Medien und die dadurch ausgelöste Aufregung: Merz sei eigentlich doch schwulenfeindlich.

Wie ist die Aufregung zu bewerten? Lesen wir die Merz-Antwort auf die Frage, ob er Vorbehalte gegenüber einem schwulen Bundeskanzler habe, genau: „(1) Nein. (2) Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. (3) Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht – ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“

Entscheidend ist der zweite Satz, den Merz ziemlich schräg gebaut hat. Der erste Satz, das Nein, ist klar. In Satz (2) ist der Nominalkomplex „die Frage der sexuellen Orientierung“ unklar, weil ein Attribut fehlt: Wenn man „des Kanzlers“ ergänzt, ergibt das einen ganz anderen Sinn, als wenn man „von Menschen“ ergänzt – dann wäre Satz (2) nicht mehr als Kommentar zu Satz (1), sondern als Verallgemeinerung von Satz (1) zu verstehen; dann ginge es um alle möglichen Arten von sexueller Orientierung von Menschen, welche die Öffentlichkeit nichts angehen.

Entsprechend ändert sich auch der Sinn von Satz (3). Im ersten Fall hieße der, der schwule Kanzler müsse sich im Rahmen der Gesetze bewegen und die Finger von Kindern lassen – das wäre eine absurde Aussage, die auch niemand Herrn Merz unterstellt. Im zweiten Fall hieße es, bei aller sexuellen Freiheit müsse man die Finger von Kindern lassen – was ich für eine sinnvolle Einschränkung halte.

Und nun zur Aufregung: Denkt Merz beim Thema Homosexualität gleich an Kinderschänder? Nein, das ist Unsinn. Er denkt beim Thema „sexuelle Freiheit“ an die Grenzen dieser Freiheit, welche ja nun wirklich oft genug überschritten worden sind und werden.

Woher stammt also die Aufregung? Einmal aus der Maschine des parteipolitischen Gebells, mit dem der politische Gegner angekläfft wird (Klingbeil, Kühnert); sodann aus der Unfähigkeit, genau zu lesen und die Bedeutung von Satz (3) aus Satz (2) abzuleiten. Woher stammt die Unfähigkeit in diesem Fall (falls sie nicht überhaupt gegeben ist)? Anders als die Politiker, die ohne Besinnung „Stellungnahmen“ heraushauen zu müssen glauben, hatte der SZ-Kommentator Rossmann Zeit zum Nachdenken. Bei ihm würde ich doch auf den linksgrünen Mainstream tippen, auch wenn dessen Existenz oft bestritten wird; Jens Spahn wird man wohl die persönliche Betroffenheit zugute halten, falls man nicht die Konkurrenzsituation bei der Kanzlerkandidatur für relevant hält.

Fazit: Viel Lärm um nichts; die Medien und die Politiker dreschen ihr eigenes leeres Stroh, statt Brötchen zu liefern.

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