Mittwoch, 16. September 2020

Wie die p.c. Tatsachen verdrehen kann

 


Im heute-jounal des ZDF vom 15. September 2020 sagte Marietta Slomka, der NS habe „Menschen jüdischen Glaubens“ verfolgt und vernichtet. Das ist politisch korrekt, weil der inzwischen geächtete Begriff „Rasse“ vermieden wird – aber es ist sachlich falsch, weil Juden eben nicht wegen ihres Glaubens verfolgt wurden (denn dann wären christlich getaufte Juden verschont worden), sondern nur wegen ihrer Rassenzugehörigkeit. Und die Nürnberger Gesetze waren keine Glaubens-, sondern Rassegesetze.

Nun haben manche Progressiven in der modernen Rassismus-Debatte beschlossen, dass es keine Rassen gebe, womit dem weit verbreiteten Rassismus der „sachliche“ Boden entzogen wäre, und sie wollen sogar das Wort „Rasse“ aus dem Grundgesetz streichen: welch bodenlose Naivität! Als ob mit dem Wort „Rasse“ auch schon der Rassismus erledigt wäre! Als ob es gegen Menschen mit anderer Hautfarbe oder fremdartigem Namen dann keine Vorurteile mehr gäbe!

Marietta Slomka ist sicher eine kluge Frau, aber im ZDF auch an die Sprache der politischen Korrektheit gebunden. Dass dabei dann ein solcher Unsinn wie im heute-journal herauskommt, es seien Menschen jüdischen Glaubens verfolgt worden, ist ein Effekt, der uns zur Vorsicht mahnen sollte: Will man etwa sagen, Juden seien „wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer angeblich minderwertigen Rasse verfolgt worden, obwohl es in Wahrheit gar keine Rassen gibt“, wäre das nicht nur ziemlich kompliziert, sondern auch nicht plausibel – man braucht ja nur die Augen zu öffnen, um Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft zu sehen. Oder sollte man lieber einfach erklären, es gebe „keine minderwertigen Rassen“, dann würden die Nachrichten von Bewertungen unzulässig überflutet – Bewertungen gehören jedoch in die Kommentare, nicht in die Nachrichten.

Es ist mit der p.c. wie bei der Genderei: Wenn man die Wörter verändert, hat man noch nicht die Tatsachen verändert. Das kann man bereits bei Peter Bichsel nachlesen („Ein Tisch ist ein Tisch“); und wie problematisch es ist, wenn man auf breiter Front die „korrekte“ Sprechweise durchsetzt, das wird in Orwells Roman „Neunzehnhundertvierundachtzig“ erzählt.

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