Mittwoch, 4. November 2020

Wie leitet man einen Aufsatz ein?

Wie kann man einen problemorientierten Aufsatz, also eine in der Schule geforderte Analyse einleiten? Am einfachsten schaut man einmal, wie andere Leute ihre Aufsätze einleiten:
1. „Bei seiner Heimkehr hat Nathan erfahren, dass Recha aus seinem brennenden Haus von einem Tempelherrn gerettet worden ist, den Saladin begnadigt hatte (V. 84 ff.) und der jetzt verschwunden ist. Nathan bedenkt, was das wohl für seine Tochter bedeutet (V. 127 ff.), und vermutet, dass sie „schwärmt“ (V. 140), d.h. dass Kopf und Herz verwirrt sind und von Phantasie bestimmt werden, was Daja ihm bestätigt (V. 140 ff.). Nathan möchte dieses Problem in einem Gespräch klären (V. 155) und seine Tochter vom süßen Wahn zur süßeren Wahrheit führen (V. 161 ff.).“ (Szenenanalyse: Nathan der Weise I 2) Hier wird die Vorgeschichte des Gesprächs, also die Situation der Figuren des Gesprächs beschrieben; damit werden ihre Probleme erklärt, die zu lösen sind.

2. „Lessing hat dieses Sinngedicht am 11. Oktober 1752 in das Stammbuch eines seiner Wittenberger Universitätsbekannten geschrieben. Es wurde 1804 in den Obersächsischen Provinzialblättern veröffentlicht; heute steht es im Anhang der Lieder. Man kann es kaum unter „Anakreontik“ einordnen – es spielt zwischen altkluger Lebensweisheit und ruhiger Selbstbesinnung: ein eindrucksvolles Gedicht. Es greift in Kurzform die drei Aspekte auf, die Schopenhauer 1851 in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ reflektiert hat und für deren Formulierung er (offensichtlich zu Unrecht) den Primat beanspruchte: Was einer ist – Was einer hat – Was einer darstellt; bei Lessing werden sie in umgekehrter Reihenfolge bedacht.“ (Analyse von Lessings Gedicht „Ich“) Hier wird der Kontext beschrieben, in dem man das Gedicht verstehen kann (seine Entstehung, die Thematik).

3. „Gibt es eigentlich noch unentschiedene Wähler in den USA? Falls ja, versucht die Republikanische Partei offenbar nicht mehr, sie von den Vorzügen ihres Präsidentschaftskandidaten zu überzeugen; stattdessen…“ (Bericht in der SZ vom 3.11.2020 über die Unterdrückung von Wählerstimmen bei der Wahl in den USA am 4.11.2020) Hier wird mit einer Frage begonnen, die im Kontrast zum Thema hinführt.

4. „Als Jonas eines Morgens aus seinen Träumen erwachte, fand er sich in einer verlassenen Stadt wieder. Die Ursache dieser sozialen Katastrophe erfährt er nicht. So ließe sich sich Thomas Glavinics Roman ‚Die Arbeit der Nacht‘ zusammenfassen.“ (Besprechung eines Fotobandes Corona Nights Hamburg in der SZ vom 3.11.2020) Hier wird in Anspielung auf Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ eine Situation beschrieben/zitiert, die zum Thema des Fotobandes passt (Ähnlichkeit); solche schlauen Einleitungen fallen einem normalerweise nicht ein.

5. „Wenn vom Amazonas-Regenwald die Rede ist, denken die meisten als Erstes an die vielen verschiedenen Tiere und Pflanzen, die dort leben. Und als Zweites an die riesigen Flächen, die dort jedes Jahr abgeholzt werden“, während der Rest des Regenwaldes „als eine Art Paradies, in dem die Natur noch in Ordnung ist“, gilt. (Bericht über das Artensterben im Regenwald in der SZ vom 3.11.2020) Hier wird an eine falsche Vorstellung angeknüpft (Kontrast).

6. „Die Gesellschaft braucht im Umgang mit der Pandemie gute Vorbilder. Sie braucht Menschen, die Vernunft vorleben. Und sie braucht Politiker als Volksvertreter, die beweisen, dass sie sich an die von ihnen beschlossenen und zum Teil sehr harten Beschränkungen ohne Wenn und Aber selbst halten.“ (SZ vom 3.11.2020, Kommentar zur Verschiebung des CDU-Parteitags und der Möglichkeit digitaler Abstimmung) Hier wird dem Kommentar ein Prinzip, ein Maßstab der Beurteilung vorangestellt.

Auswertung: Zum Thema wird hingeleitet, d.h. der Hauptteil wird eingeleitet

  • durch Anknüpfung an etwas Ähnliches
  • durch Gegenüberstellung eines Kontrastes (oder einer falschen Vorstellung)
  • durch einen Bericht über die Vorgeschichte
  • durch eine Erklärung der Problematik (evtl. Vorgeschichte)
  • durch eine Übersicht über den Kontext
  • durch Berufung auf einen Maßstab (bei einem Kommentar).
  • Möglich wäre auch, mit einer Definition des Hauptbegriffs zu beginnen

 

Bodo Friedrich gibt in „Kurze Stilistik. Eine Anleitung für Schüler“ (Berlin 1987) folgende Hinweise für die Gestaltung des Textbeginns (= Einleitung) beim Beschreiben und Erklären:

1. Man kann von Bekanntem ausgehen,

  • indem man einen allgemein bekannten Sachverhalt darstellt (Die Sonne scheint im Osten aufzugehen → die Zeitzonen der Erde)

  • indem man mit einer historischen Darstellung beginnt (= die Vorgeschichte) (Vor der Kolonialzeit lebten die indischen Bauern… → die Republik Indien)

  • indem man mit einer vorgestellten Situation beginnt (Wenn wir vom Ufer eines Teiches ins Wasser schauen… → Fische)

2. Man kann auch von Neuem ausgehen,

  • indem man den „Gegenstand“ einordnet oder gliedert (Es gibt fünf Kontinente auf der Erde, von denen Asien der größte ist → Asien)

  • indem man ihn definiert (Die Anekdote ist eine kurze, kennzeichnende Geschichte)

  • indem man ein Merkmal hervorhebt (Das Pantoffeltierchen lebt vorwiegend... → das Pantoffeltierchen)

  • indem man die Ausgangssituation charakterisiert (Zum Schnitzen benötigt man… → das Schnitzen).

Für die Formen des problemorientierten Schreibens gibt es in diesem von mehreren Verfassern bearbeiteten Buch keine Hinweise, wie man den Text einleiten kann. (Die Formulierungen Friedrichs sind nicht optimal, bei "Asien" habe ich ihn korrigiert.)

Wenn man meine Hinweise mit denen von Bodo Friedrich vergleicht oder verbindet, bekommt man viele Hinweise darauf, wie man einen Text einleiten kann.

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