Donnerstag, 24. Juni 2021

Ist deine Internetadresse sicher?

 Hallo, Internetgenossen,


ihr könnt unter https://sec.hpi.de/ilc/ (seriös: Hasso-Plattner-Institut) prüfen, ob euere Internetadressen gehackt worden sind - kostenlos.

Sonntag, 20. Juni 2021

Rezeption einer Erzählung

 

Mein kleiner Vogel

Heute Morgen hatte ich alle Fenster und die Flügeltüren im Wohnzimmer geöffnet, um frische Luft ins Haus zu lassen. Als ich nach dem Frühstück ins Schlafzimmer ging, sah ich auf dem linken Fensterflügel einen kleinen grauen Vogel sitzen. „Geh raus, los“, sagte ich zweimal zu ihm, aber er blieb sitzen – vielleicht hätte ich dreimal „Flieg‘ raus“ sagen sollen; da musste ich auf einen Hocker klettern und ihm von hinten einen kleinen Schubs geben, damit er rausfliege.

Nach der Gymnastik kam ich ahnungslos erneut ins Schlafzimmer, da flog plötzlich der kleine Vogel vor mir durchs Fenster hinaus – ich hatte ihn gar nicht bemerkt. Er hatte offensichtlich unser Haus oder meine Nähe gesucht, und ich erwog schon, ihn zu meinem Totem zu machen – vielleicht kam im kleinen Vogel ja der Geist meines Vaters zu mir, vielleicht hatte er eine Botschaft zu überbringen.

Nach dem Duschen kam ich angezogen noch einmal ins Schlafzimmer, da sah ich auf dem Fußboden, was der kleine Graue mir hinterlassen hatte; ich musste die Vogelscheiße aufwischen und habe die Fenster geschlossen, damit der Kleine nicht noch einmal hereinkommen konnte. Seine Chancen, mein Totem zu werden, sind beträchtlich geschwunden. 18. Juni 2021

Folgende Antworten habe ich darauf bekommen:

Eine schöne Geschichte; du hast schön erzählt. (mehrere)

Lieber Norbert, das ist eine schöne kleine Geschichte - aber schade, dass du den Vogelschiss missverstanden hast: Ich betrachte ihn als Geschenk für dich - was sonst hätte er gehabt, der kleine Vogel? (eine Frau)

Anfangs dachte ich: Den Titel hätte ich anders genannt, entweder „Der Vogel mit dem Vogel", oder „Der Vogel, der seine Chance verschiss", aber wenn man die Vogelart spezifiziert, sagen wir Spatzen statt grauen Vogel, dann würden solche Titel nicht gehen. Die Wendung ergibt sich durch die Scheisse, denn das änderte die Meinung des Erzählers. Gut gemacht. (ein Mann)

Guten Morgen, lieber Norbert, das mit den kleinen Vögeln kenne ich.
Auf der Dürerstraße hatte ich ein Rotkehlchen, das immer kam, sobald ich draußen war, und manchmal hatte ich das Gefühl, es versteht mich, wenn ich ihm etwas erzählte. (eine Frau)

Tja. (ein Mann)

Da hattest du ja ein „schönes“ Erlebnis am frühen Morgen. (eine Frau)

Freitag, 4. Juni 2021

Sieglinde Geisel: Geschichten erzählen

Es heißt: Der Mensch ist das Tier, das Geschichten erzählt – und die sind längst in der Politik angekommen. Allerdings ist bei einem erfolgreichen Narrativ nicht entscheidend, ob es mit der Realität übereinstimmt oder Fake News verbreitet.

Kinder brauchen Märchen“, so heißt ein berühmtes Buch von Bruno Bettelheim. „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“, schreibt die amerikanische Autorin Joan Didion. „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben. Wir interpretieren, was wir sehen und suchen uns die praktikabelste der verschiedenen Lösungen aus. Wir leben voll und ganz darin, dass wir eine narrative Linie über verstreute Bilder legen.“

Wenn man es aus dem biologischen Blickwinkel unserer Sinne her betrachtet, empfängt unser Geist von der Welt nur bruchstückhafte Informationen“, sagt Alberto Manguel, „Hätten wir nur diese Fragmente – ein Geruch, eine Farbe, eine Form, ein Klang –, ergäbe das Universum für uns keinen Sinn. Erst, wenn ich meine Vorstellungskraft einsetze, um eine Erzählung zu konstruieren, kann ich mit der Welt in einen Austausch treten.“

Alberto Manguel ist der Autor des Klassikers „Eine Geschichte des Lesens“. Er hat sein ganzes Leben darüber nachgedacht, warum wir Geschichten brauchen. „Ich glaube, dass es dafür einen biologischen Grund gibt. Nach Darwin entwickeln wir als Tiere Werkzeuge, um zu überleben, und die menschliche Gattung hat die Vorstellungskraft entwickelt, als Überlebenswerkzeug“, erklärt er. „Die Vorstellungskraft erlaubt es uns, eine Erfahrung zu machen, ohne diese Erfahrung tatsächlich machen zu müssen. Wir können uns vorstellen, was geschehen wird, wenn wir nach links oder nach rechts gehen, oder wenn uns jemand begegnet, und wir nutzen Geschichten dazu, die Vorstellung einer Erfahrung zu konstruieren. Wir benutzen den narrativen Impuls.“

Auch das Vergnügen, das Geschichten uns bereiten, sei kein Selbstzweck: „Wir nutzen Geschichten. Wir benutzen den narrativen Impuls. Vergnügen bereitet das Erzählen erst in zweiter Linie, wie bei den anderen Überlebensimpulse auch, es ruft alle möglichen Emotionen hervor. Es ist wie beim Sexualakt: Sein Ziel besteht nicht darin, uns zu befriedigen, sondern die Gattung fortzusetzen. Aber damit wir es tun, muss es uns Vergnügen bereiten. Und so verhält es sich auch mit dem Geschichtenerzählen: Sein Sinn besteht darin, dass wir uns in der Welt zurechtfinden.“ Um uns in der Welt zurechtzufinden, müssen wir sie uns zu eigen machen: „Unser Gehirn ist nicht nach den Dimensionen des Universums strukturiert. So denken wir uns die Dinge etwa in einer Reihenfolge: Etwas kommt vorher, etwas anders nachher, etwas ist rechts oder links, oben oder unten. Doch das sind Konventionen, im Universum existiert so etwas nicht. Um eine Erzählung zu konstruieren, muss man irgendwo beginnen.

Der Rote König in ‚Alice im Land der Spiegel‘ gibt dem Gerichtsdiener folgende Regel: ‚Fang mit dem Anfang an, geh weiter durch die Mitte, und wenn du zum Ende kommst, hör auf.‘ So funktionieren Geschichten. Aber die Welt funktioniert nicht so, deshalb fragen wir ständig: Wie hat es angefangen? Ah, Schöpfungsgeschichten! Und wie wird es aufhören? Da haben wir die Apokalypsen.“

Und dort sehen Sie, wie die Kurve ansteigt“, sagt Michael Solf, „seit dem Ende der 70er-Jahre bis etwa zum Jahr 2000, dort kurz stagniert, um dann richtig abzuheben, und inzwischen findet sich das Wort in einer unteren mittleren Häufigkeit.“ Michael Solf ist Lexikograf. Für das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache bearbeitet er den Eintrag zum Stichwort „Narrativ“. Die Überarbeitung wurde nötig, weil das Wort in den letzten Jahren an Relevanz gewonnen hat. „Unter einer Million Wörtern stecken sechs Narrative, aber wir haben natürlich viele, viele, viele Millionen Wörter. Das heißt, das Wort ist bei uns viele Tausend Mal belegt“, erklärt er.

Ursprünglich hatte der Begriff „Narrativ“ eine neutrale Bedeutung: „Was wir Ende der 70er-Jahre zunächst finden, das ist so etwas wie ein vorgefundener, konstruierter, sinnstiftender Zusammenhang zwischen einer Folge von Ereignissen und Sachverhalten.“ Doch das hat sich geändert: „Man kann aber feststellen, dass der Begriff Narrativ in politischen, gesellschaftlichen und ähnlichen Diskursen häufig benutzt wird, um andere Überzeugungen zu relativieren und sie als willkürlich zu kennzeichnen, als bloße Fiktion, als artifiziell, als etwas, das eigentlich nicht wirklich da ist.“ Für seine These, dass „Narrativ“ ein abwertender Begriff sei, hat Michael Solf einen ganz einfachen Beweis: „Versuchen Sie mal eine Ersetzungsprobe. ‚Das Narrativ von der Unterdrückung der Frau‘ – funktioniert das gut? ... Wenn das nicht funktioniert, dann sind wir am Kern der Sache angekommen.“ Wer die Unterdrückung der Frau als bloßes Narrativ bezeichnet, negiert den Sexismus. Vieles von dem, was wir heute als Narrativ bezeichnen, hätte man früher Ideologie genannt: „Ich denke, das ist einer der Gründe für den Erfolg eines solchen Wortes. Als hätte man auf eine wissenschaftlich verbrämte Variante der Diskriminierung nur gewartet.“

Es scheint, als hätten wir uns bisher getäuscht über das, was Gesellschaften und Nationen zusammenhält. Es sind nicht Verträge, Verfassungen, Gründungsmythen, gemeinsame Sprache und Kultur, Religion oder Ideologie. Es ist das Narrativ, Dummchen!“ So heißt es in einem Artikel, der 2018 in der „Welt“ erschienen ist. Der Journalist und Autor Matthias Heine schreibt in der Rubrik „Modewort“ über die erstaunliche Karriere des Begriffs „Narrativ“. Ursprünglich stammt das Wort aus dem Buch „Das postmoderne Wissen“ des französischen Philosophen François Lyotard. Lyotard verwendet darin den französischen Begriff „grand récit“. Diese Meta-Erzählungen seien in der Postmoderne in die Krise geraten, sagt Heine im Interview: „Das war eben geboren aus dieser von Lyotard so gesehenen Tatsache, dass die großen Erzählungen ... der Vergangenheit – die Aufklärung, der Staat, der fürsorgliche Staat, die Nation – oder noch älter, das Christentum, ‚Gott ist allmächtig‘, dass die ihre Strahlkraft verloren hatten nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, nach dem Zusammenbruch oder der Beschädigung des Kommunismus und er plötzlich eine Art Verbalisierung suchte, in der man klar machen konnte, dass das eben alles Narrative, Narrationen, Imaginationen oder eben bloß Erzählungen sind und nichts Unveränderliches, und dass es immer einen Kampf solcher Erzählungen gibt. "

Früher galten diese Großerzählungen nicht als Narrativ, sondern als Norm. In der pluralistischen Gesellschaft werden sie abgelöst von Mikro-Narrativen: Jede Identität hat ihr eigenes Narrativ. „Ein Großnarrativ, das lange Zeit nicht infrage gestellt wurde, war ja Mann und Frau. Dass es einfach Mann und Frau gibt. Wenn Sie jetzt non-binäre Identitäten schaffen, schaffen Sie damit neue Mikronarrative, die dieses Großnarrativ infrage stellen. Und das ist eben alles natürlich Ausdruck einer Krise, die aber auch Aufbruch ist. "

Humans are story-telling animals. „, sagt der israelische Historiker Yuval Noah Harari in einer Online-Veranstaltung von Los Angeles Live Talks: „Menschen sind Tiere, die Geschichten erzählen. Unsere Identität basiert auf den Geschichten, die wir glauben. Kaum je gelingt es, Menschen zu politischem Handeln zu inspirieren, indem man ihnen wissenschaftliche Tatsachen erklärt. Wenn Sie den Leuten sagen: ‚e = mc²‘, eine grundlegende Gleichung der Physik – wer wird dann für Sie stimmen? Um Menschen zu inspirieren, brauchen Sie eine Geschichte, eine Mythologie, mit mehr oder weniger Nähe zur Wahrheit.“

Eine jüdische Lehrgeschichte aus dem 11. Jahrhundert: „Wahrheit, nackt und kalt, wurde an jeder Tür des Dorfs abgewiesen. Ihre Nacktheit machte den Menschen Angst. Als Parabel sie fand, kauerte Wahrheit in einer Ecke, zitternd und hungrig. Parabel bekam Mitleid, hob Wahrheit auf und nahm sie mit nach Hause. Hier kleidete sie Wahrheit in eine Geschichte, sie wärmte sie auf und schickte sie wieder los. Gekleidet in eine Geschichte, klopfte Wahrheit wieder an die Türen des Dorfs, und nun hieß man sie willkommen. Die Dorfbewohner luden sie ein an ihren Tisch und ließen sie an ihrem Feuer sitzen.“

Der Historiker Harari sagt: „Wenn sie den Menschen die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, dann wird kaum jemand für Sie stimmen. So würden Sie nie Präsident oder Premierminister. " „Die wahrscheinlich wichtigste Zutat, die Geschichten mit sich bringen, sind Emotionen“, sagt die Neurowissenschaftlerin und Autorin Maren Urner. „Das, was uns eben vor allem reizt, und warum wir Dinge besser abspeichern können, sind Emotionen, also deshalb funktionieren auch die reinen Fakten, wenn wir versuchen, die irgendwie weiterzugeben, niemals so gut, als wenn wir eine Geschichte drumherum erzählen.

Geschichten verbinden das faktische Wissen mit unserem erlebten Erfahrungshorizont. Das hat auch eine körperliche Dimension, so die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling 2017 in einem Vortrag auf der re:publica. „Alles, was wir denken, denken wir mit dem Gehirn, und das Gehirn ist angebunden an unsere Körper“, erklärt sie. „Deshalb schöpft das Gehirn, wenn es denken will, aus all den körperlichen Erfahrungen, die es abspeichern konnte vorher in unserem Leben. Dazu gehören Gefühle, visuelles Input, Gerüche, Geräusche, Geschmack, Bewegungen. Und wenn wir zum Beispiel Leute im Gehirnscan liegen haben, und die lesen den Satz: ‚John beißt in das Wurstbrot‘, dann feuert in dem Moment, in dem sie das Verb, das Handlungswort ‚beißen‘ lesen, die Gegend im Gehirn los, die damit zu tun hat, selber zu beißen.“ Wenn wir in Geschichten etwas sehen, hören oder riechen, versetzt uns das innerlich in Aktion. Auf Wörter, die etwas erzählen, reagiert unser Gehirn so, als würden wir das Erzählte tatsächlich erleben, berichtet Wehling: „Wenn das Gehirn auf so etwas zurückgreifen darf, dann freut sich das Gehirn ungemein. Wieso? Weil es da so richtig aus seiner Welterfahrung schöpfen darf, da hat es richtig viel zum Mitfeuern.“

[Ausführungen über die Firma Storymachine]

Tod und Wiedergeburt, und das ist das Grundmotiv der Heldenreise: Einen Zustand zu verlassen, den Ursprung des Lebens zu finden, und in einem reicheren, reiferen Zustand wieder hervorgebracht zu werden“, sagt Joseph Campbell in der Gesprächsreihe „Die Macht der Mythen“. Berühmt wurde der amerikanische Mythologe mit seinem Buch „Der Held in den tausend Gestalten“. Campbell beschreibt die mythische Heldenreise als einen Weg mit klar definierten Stationen: Der Held oder die Heldin folgt dem Ruf zum Abenteuer, er oder sie verlässt die vertraute Welt, besteht Abenteuer und kehrt verwandelt zurück zu der eigenen Gemeinschaft. „Das ist die Tat des Helden: Aufbruch, Erfüllung, Rückkehr.“

Das Muster der Heldenreise findet sich nicht nur in Märchen, Mythen und Filmen. Campbell beschreibt es als archetypisches Prinzip, das in jedem einzelnen menschlichen Leben realisiert wird. Auch wir vernehmen beim Übergang von einer Lebensphase in die nächste den Ruf zum Abenteuer, den wir entweder annehmen oder ablehnen. Joseph Campbell beschreibt die individuelle Heldenreise als Reifungsprozess: „Die Reifung des Individuums: Es ist diese geradezu pädagogische Anleitung, der man folgt, das geht von der Abhängigkeit ins Erwachsensein, dann folgt die Reifung, und dann geht es zum Exit.“

Wir erzählen uns Geschichten, nicht nur, um zu leben, sondern um uns selbst zu optimieren und uns zu verkaufen. Wir haben aus dem Storytelling eine Industrie gemacht. Warum ist das Erzählen gerade heute so wichtig geworden? Der Abschied von den Großerzählungen, den François Lyotard diagnostizierte, ist nur einer von vielen Gründen.

Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner nennt einen weiteren: „Da denke ich einfach, dass diese Unsicherheit, die wir erleben, also wir jetzt im Sinne von gesamtgesellschaftlich gerade in den sogenannten besonders entwickelten Industrieländern, wo alles möglich zu sein scheint. Unsicherheit, weil wir zu viele Handlungsoptionen haben, zu viel, gemessen an dem, was unser Gehirn leisten kann. Übertragen auf die Berufswahl, die Partnerwahl, auf die Wahl, wie wir unsere Zeit verbringen, ist unser Gehirn in einem kontinuierlichen Überforderungsmodus. Das heißt, umso stärker, würde ich argumentieren aus Sicht der Neurowissenschaften, Psychologie, sind wir auf der Suche nach Narrativen, die uns Halt geben.“

Oder liegt es an der Informationsflut, wie Philipp Jessen von Storymachine vermutet: „Weil es so laut ist, weil es so viele Informationen gibt, weil es so viele Streitereien und öffentliche Diskurse gibt in einer unglaublich erratischen Lautstärke, dass die Leute gar nicht mehr wissen, wo hören sie hin? Und das ist natürlich der Grund, dass eine gut erzählte Geschichte natürlich durchdringt bei der ganzen Lautstärke, die es heutzutage gibt.“

Liegt es an der Politik, wie Alberto Manguel glaubt? „Vielleicht ist es tatsächlich so, dass wir uns heute stärker dem Storytelling zuwenden als zu anderen Zeiten. Auf jeden Fall leben wir in einer verwirrenden Zeit. Wir befinden uns wieder mitten in politischem Chaos. Wir dachten, der Faschismus sei ein Ding der Vergangenheit, doch er ist keineswegs vergangen. Die Faschisten erheben wieder ihren Kopf, als hätte es den Zweiten Weltkrieg nie gegeben. Und wir sind mitten in einer Pandemie. Nichts ist sicher. Wir brauchen Geschichten, um einen Sinn zu finden in einem Universum ohne Sinn.“

Geschichten bieten Halt, das zeigt auch der Blick in einen Märchenklassiker. „Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, dass die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen. Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große Pelzkappe daraus machen.“

SieglindeGeisel: Die Wirklichkeit erfinden. Fluch und Segen des Narrativs. Eine Sendung in „Zeitfragen“ des Deutschlandfunks Kultur, 31.05.2021




Sonntag, 30. Mai 2021

Digitale Schreibtools

 Eine interssante Seite mit Schreib-tools, die helfen sollen, eigene Texte ztu überprfüen, ist https://fd.phwa.ch/?page_id=892; ich habe die Tools aber noch nicht ausprobiert, das muss jeder selber tun.

Dienstag, 25. Mai 2021

„Kam herbei, wie eine Welle“ - ein Vergleich bei Goethe

Und was sich, an jener Stelle,

Nun mit deinem Namen nennt,

Kam herbei, wie eine Welle,

Und so eilt‘s zum Element.

Wie können wir dieses Bild Goethes verstehen? Ist es überhaupt ein Bild, also etwas Unveränderliches, und nicht eher ein kleiner Bericht: Es kam – es eilt? Es handelt sich um die zweite Hälfte der vierten Strophe von „Dauer im Wechsel“ (1803); zu ihrem Verständnis muss man zunächst kurz den Kontext beschreiben. Der Sprecher hat von Beginn an auf verschiedene Formen des Wechsels hingewiesen, dass sich nämlich die Gegebenheiten der Welt dauernd ändern, dass nichts von Bestand ist: Blütenblätter fallen ab, Laub verschwindet, Früchte bleiben nicht hängen, Tal und Fluss bleiben nicht bestehen. Sein zweiter Blick gilt dem Menschen: „Du nun selbst!“ – dein Blick ändert sich, die küssende Lippe und der kletternde Fuß vergehen, ebenso deine Hand – „Alles ist ein andres nun“; „Alles“, das sind die Teile deines Körpers, das bist du selbst im ganzen. Und darauf folgen dann die vier genannten Verse: „Und was sich, an jener Stelle…“.

Das Subjekt der Aussage ist das, „was sich, an jener Stelle, [n]un mit deinem Namen nennt“. Hieran fällt auf, dass nicht vom Du, sondern von einem Es die Rede ist; diesem Es ist ein Name zugeordnet, dein Name. Er wird ihm „nun“ beigelegt, ist aber der Name des früheren Du, das doch vergangen ist. Was gegenwärtig mit diesem Namen bezeichnet wird, befindet sich „an jener Stelle“, die nun den alten Namen trägt. Was kann von diesem Es gesagt werden? Es „kam herbei, wie eine Welle“. Dieser Vergleich erfasst Bestand und unmerkliche Veränderung in einem: Die Welle ist als solche beständig und als solche weiterziehend, und zugleich als Welle nur eine durch eine Energie erzeugte Bewegung des Wassers, die man sieht, die aber nicht selbständig und substanziell ist, auch wenn sie „die Welle“ heißt: Bewegung im Wasser. Und so eilt Es „zum Element“, zum großen Wasser des Ozeans, wo Es im Element verschwindet. Das ist es, was sich mit deinem Namen nennt.

Was zeigt der Vergleich des sich verändernden Menschen mit der Welle? Er dient sicher nicht – wie Schüler in ihrer Hilflosigkeit zu sagen pflegen – dazu, „dass man sich etwas besser vorstellen kann“; die Vorstellungen vom Menschen, der sich ändert, waren zuvor klar genug. Nein, durch den Vergleich lassen sich zwei widersprüchliche Aussagen zusammen denken: Du änderst dich fortwährend, und doch wird dir mit dem gleichen Namen Identität zuerkannt. Das versteht man, wenn man sieht, wie die Welle kommt und weiterzieht, sagt der Sprecher.

Wie Goethe in der fünften Strophe „Dauer im Wechsel“ sichern will, brauchen wir jetzt nicht zu berücksichtigen.

 

Donnerstag, 29. April 2021

Zwei Fassungen des gleichen Gedichts vergleichen

 

Die Idee habe ich von Hilke Schildt: Aus der poetischen Werkstatt. Gedichte in verschiedenen Fassungen, Textheft und Ergänzungsheft 1971 (gibt es noch antiquarisch): Wenn man zwei oder mehrere Fassungen des gleichen Gedichts vergleicht, kann man sehen, wie der Dichter mit der Idee gerungen, das heißt an der Form gefeilt hat, was in der Regel eine Verbesserung, beim alternden Goethe oft nur ein Glättung bedeutet. Aus Schildts Heft und aus eigenen Forschungen kann ich folgende Beispiele nennen:

Goethe: Mayfest (1771/75) https://de.wikisource.org/wiki/Mayfest_(Johann_Wolfgang_von_Goethe) → Mailied https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/mailied.html

Goethe: Mit einem gemalten Band (zwei Fassungen, in Goethe: Hambuger Ausgabe Bd. 1, S. 25-27)

Goethe: Der König von Thule (zwei Fassungen, HA 1, S. 79 f.)

Goethe: An den Mond (zwei Fassungen, HA 1, S. 128-130)

Goethe: Bundeslied (zwei Fassungen, HA 1, S. 93-95)

Goethe: Auf dem See (1775/89) https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/goethe-aufm-zucc88richersee-materialien.pdf (beide Fassungen)

Goethe: Im Vorübergehn (vor 1813) https://deutsche-poesie.com/goethe/im-vorubergehn/Goethe: Gefunden (1813) https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/gefunden.html

Goethe: Es schlug mein Herz (1771) → Willkommen und Abschied (1789) http://www.gedichte.co/goe_jw39.html (beide Fassungen)

C. F. Meyer: Rom: Springquell (1860) → Der schöne Brunnen (1864) → Der Brunnen (1865) → Der römische Brunnen (1870) → Der römische Brunnen (1882) https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/meyer-rocc88mischer-brunnen-6-fassungen.pdf (alle Fassungen)

C. F. Meyer: Der Erntewagen (1860) → Auf Goldgrund (1882/83) https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/c-f-meyer-auf-goldgrund-geschichte-des-textes-analyse/ (alle vier Fassungen)

C. F. Meyer: Abendbild (1870) → Zwei Segel (1882) https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/c-f-meyer-zwei-segel-geschichte-des-textes-analyse/, dazu: Eindoppeltes Leben (1875) https://books.google.de/books?id=JYldDwAAQBAJ&pg=PA11&lpg=PA11&dq=C.+F.+Meyer+%22ein+doppeltes+leben,+zwei+segel%22&source=bl&ots=o92K7jARBu&sig=ACfU3U3EEILFMaNNDYjaNOCViZQec8uVdQ&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwiwpovv0qHwAhWKhf0HHf6-APEQ6AEwAHoECAIQAw#v=onepage&q=C.%20F.%20Meyer%20%22ein%20doppeltes%20leben%2C%20zwei%20segel%22&f=false

C. F. Meyer: Kommet wieder (1869?) https://gedichte.xbib.de/Meyer_gedicht_022.+Kommet+wieder%21.htm → Möwenflug (1881/83) https://www.mumag.de/gedichte/mey_cf14.html

H. Hesse: Knarren eines geknickten Astes (drei Fassungen) https://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/hesse/gedichte.htm

G. Trakl: Herbstseele (August/September 1913) https://www.textlog.de/19468.html (1. Fassung) https://www.textlog.de/17553.html (2. Fass.)

Andreas Thalmayr: Das Wasserzeichen der Poesie, 1985, hat S. 181 ff. drei Fassungen eines Gedichts von Clemens Brentano und von Günter Eich. In Georg Trakl: Das dichterische Werk, dtv 6001, 1972, werden S. 196 ff. Doppelfassungen vieler Gedichte Trakls aufgeführt.

Herder: Es sah ein Knab ein Röslein stehn (v. 1773 – unklar, wie weit Goethe hier mitgearbeitet hat) https://www.volksliederarchiv.de/es-sah-ein-knab-ein-roeslein-stehn/Goethe: Sah ein Knab ein Röslein stehn (1771) https://www.lieder-archiv.de/sah_ein_knab_ein_roeslein_stehn-notenblatt_300360.html

Andere Gedichtformen, die sich zum Vergleich zweier Gedichte eignen, sind die Replik, die Parodie und das Plagiat (s. „Wasserzeichen der Poesie“). Allgemein bekannt und verbreitet ist der Vergleich themengleicher Gedichte. - Vgl. meinen alten Aufsatz https://norberto68.wordpress.com/2012/10/15/gedichtvergleich-mehrere-fassungen-verwandte-gedichte/!



Freitag, 23. April 2021

Sachlich sein, Sachlichkeit: ihre Bedeutung

Das Adjektiv „sachlich“ (s) soll um 1820 aufgekommen sein, anfänglich noch in der Schreibweise „sächlich“; das Nomen „Sachlichkeit“ (S) ist 1828 erstmals belegt. Die Wörter hatten es schwer, ihren Weg in die Wörterbücher zu finden; im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm fehlt S.

Was bedeutet s? Die erste Erläuterung gibt es in Heinsius: Vollständiges Wörterbuch der Deutschen Sprache, Bd. III, 1830: „Sächlich, eine Sache angehend, betreffend, auch in dem Wesen einer Sache gegründet etc.“ Die besten Umschreibungen habe ich bei Wehrle-Eggers (Deutscher Wortschatz, 1961) und in Dudens Deutschem Universalwörterbuch (2011/2014) gefunden. Wehrle-Eggers nennen mehrere Sinnbereiche, in denen s gebraucht wird: a) Beim Denkvorgang können Schlussverfahren streng, sachlich, genau sein. b) In der Verstandesklarheit kann jemand nüchtern, sachlich, geradlinig denken. c) Im Gefühlsleben geht es um die Unerschütterlichkeit, da ist einer unbeteiligt, sachlich, nüchtern. d) Dann wird im Gefühlsleben auch noch die Einfachheit angenommen, wenn jemand einfach, schlicht, sachlich empfindet – diesen Punkt d halte ich für weniger gelungen. In Dudens Universalwörterbuch steht für s: 1. nur von der Sache, nicht von Gefühlen oder Vorurteilen bestimmt; nur auf die Sache, auf den infrage stehenden Sachzusammenhang bezogen; objektiv. 2. in der Sache begründet; von der Sache her. 3. ohne Verzierungen oder Schnörkel; durch Zweckgebundenheit gekennzeichnet. Diese 3. Bedeutung gehört in einen anderen Zusammenhang als die beiden ersten, welche menschliches Denken, Sprechen und Handeln charakterisieren; die 3. Bedeutung taucht häufig in der Bezeichnung der Stilrichtung „Neue Sachlichkeit“ auf, welche etwa ab 1925 in Kunst, Design und Architektur sich ausbreitete.

Warum soll ein Lehrer sachlich bleiben, warum sollen Schüler zur Sachlichkeit erzogen werden? S ist nach Max Scheler „die den Menschen vom Tier unterscheidende Fähigkeit, das Gegenständlichsein (Objektcharakter) von Gegenständen als solches zu erfassen, ohne die aus der Instinktgebundenheit der Tiere resultierende Einschränkung der Gegebenheitsweise von Welt“ (Metzler Lexikon Philosophie). Sachlichkeit ist demnach eine Stufe menschlicher Freiheit, die den – wenn man so will – triebhaften Egoismus überschreitet. Sie ermöglicht die freie wissenschaftliche Diskussion, das freie politische Gespräch der Bürger, in der Schule den freien Blick auf die Welt und in die Texte, das freie Gespräch zwischen Lehrenden und Lernenden.

Im Wiki Lexikon zur Gestalttheoretischen Psychotherapie wird Sachlichkeit der Ichhaftigkeit gegenübergestellt: https://www.oeagp.at/dokuwiki/doku.php?id=ichhaftigkeit_sachlichkeit.

Im Kompetenzatlas der FH Wien wird erläutert, wieso Sachlichkeit in Konflikt- und Stresssituationen wichtig ist: https://kompetenzatlas.fh-wien.ac.at/?page_id=634.

Ich selber habe vor Jahren ein kleines Loblied der Sachlichkeit gesungen: https://norberto68.wordpress.com/2011/05/29/sachlichkeit/.

Julia Breithausen hat in einem komplexen Rückgriff auf Heidegger und Adorno zu zeigen versucht, dass S pädagogisch bedeutsam ist, wobei von der Pädagogik her Theodor Ballauf als Hauptzeuge benannt ist: https://www.pedocs.de/volltexte/2017/14657/pdf/ZfPaed_2014_2_Breithausen_Bildung_und_Sachlichkeit.pdf.

Die Verpflichtung des Rechtsanwalts zur Sachlichkeit ist für uns jetzt nicht wichtig: https://www.rak-muenchen.de/rechtsanwaelte/berufsrecht/sachlichkeit-falschunterrichtung.html.

Zwei Plädoyers gegen Sachlichkeit habe ich gefunden; dabei merkt man, dass es beiden Autoren darum geht, dass man andere für seine eigenen Ziele einfängt: https://www.businessvillage.de/Etwas-weniger-Sachlichkeit-bitte/mag-1506.html und https://www.sozusagen.at/sachlichkeit-gibt-es-nicht/.




Freitag, 2. April 2021

Hätte, hätte, Fahrradkette

Hätte, hätte, Fahrradkette.“ Dieser Spruch, 2013 durch Peer Steinbrück bekannt geworden, ist umwerfend gut, besser als zum Beispiel: „Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gekriegt.“ Wieso ist er besser? Der Hunde-Spruch entfaltet den Gedanken vollständig – das ist zu umständlich, allerdings an einem unsinnigen Beispiel – das ist gut am Hunde-Spruch; denn dass ein Hund sich erst zum Scheißen niederhockt, wenn es gilt, einen Hasen zu fangen, macht ihn zum Bruder der Butterblume, die auch nie einen Hasen fangen könnte.

Der Spruch von der Fahrradkette ist gut, weil er extrem kurz ist, dabei sich reimt, zweimal einen Trochäus aufweist (strenge Parallelität der beiden Zeilen), durch die Wiederholung „Hätte, hätte“ das ganze Feld des nachträglichen Besserwissens oder Wünschens einschließt und es völlig sinnlos mit „Fahrradkette“ verbindet, wodurch das „Hätte, hätte“ entlarvt ist.

Ich kenne einen ähnlichen Spruch aus dem Niederrheinischen: „WENN legg op dr Denn, hät lang Uere on vrett Heu.“ (WENN liegt in der Tenne, hat lange Ohren und frisst Heu.) Dieser Spruch ist natürlich viel besser als „Wenn das Wörtchen ‚wenn‘ nicht wär‘, wär‘ mein Vater Millionär“, der einmal ziemlich lang ist, dann aber den Gedanken an einem Beispiel exakt durchspielt und damit ziemlich fade ist. Für den ersten Wenn-Spruch gibt es zwei mögliche Deutungen: Die erste ist die, dass die Kombination des Wenn-Gedankens mit der Tenne und dem Heufressen völlig sinnlos ist, siehe oben. Die zweite nimmt das Liegen und Heufressen wörtlich und macht dann aus dem WENN bzw. aus dem Wenn-Sager einen Esel.

Zwei Regeln lassen sich aus diesen Beispielen für die Qualität von Redensarten ableiten: 1. Je kürzer, desto besser. 2. Je mehr der Gedanke demonstriert statt ausgesprochen wird, desto besser. Aber auch der Reim und die Parallelität zeichnen einen guten Spruch aus.

https://www.wortbedeutung.info/h%C3%A4tte,_h%C3%A4tte,_Fahrradkette/ (Erklärung, Hinweis auf Sprüche in anderen Sprachen)




Donnerstag, 1. April 2021

Wie leitet man einen Aufsatz ein? - Beispiel mit Auswertung

Als Beispiel untersuchen wir kurz, wie Otto Friedrich Bollnow 1948 seinen Aufsatz „Über pädagogische Erfahrung“ eingeleitet hat:

Kein Begriff spielt in der Auseinandersetzung zwischen den Generationen eine solch große Rolle wie jener der Erfahrung. Manchmal geradezu mit einem Nimbus umgeben, von einem Schein der Glorie umstrahlt, manchmal geringschätzig abgetan, schillert er in allen Farben, je nachdem wer ihn gebraucht, oder in welchem Zusammenhang er gebraucht wird. Und es scheint mir der Mühe wert, sich einmal mit diesem Begriff auseinanderzusetzen, ihn zu beleuchten und zu untersuchen, was sich beim Gebrauch des Wortes tatsächlich dahinter verbirgt, immer unter der Berücksichtigung der uns interessierenden Beziehungen zur Pädagogik, besser gesagt: zur Schule, zum Lehrer.“

Bollnow Einleitung besteht aus drei Gedanken oder Behauptungen:

Der Begriff Erfahrung ist wichtig.

Der Begriff ist umstritten bzw. unklar.

Der Begriff muss deshalb untersucht werden,

und zwar im Hinblick auf die Pädagogik.

Die beiden ersten Behauptungen sind die Prämissen, aus denen dann gefolgert wird, dass es nötig ist, den Begriff zu untersuchen. Die vierte Aussage schränkt das Thema ein bzw. benennt die konkrete Fragestellung.

Interessant ist nun jedoch, dass Bollnow nicht die von mir gebrauchte kurze Formulierung der Prämissen und der Folgerung benutzt, sondern diese Gedanken jeweils in einem längeren Satz bildhaft ausmalt; die Konkretisierung des Themas wird in einer adverbialen Konstruktion angehängt („immer unter der Berücksichtigung …“).

Mit den ersten drei Gedanken kann man beinahe jeden Aufsatz einleiten – es kommt dann halt nur darauf ein, sie geschickt auszugestalten, wie Bollnow uns das hier vormacht.


Sonntag, 28. März 2021

Über die richtige Erziehung zum Fleiß

In meiner Schulzeit gab es die Kopfnoten im Zeugnis, in denen die Lernhaltung des Schülers bewertet wurde. Dazu gehörte „Fleiß und Aufmerksamkeit“. Ohne dass ich hier diskutieren möchte, ob es sinnvoll war, die Kopfnoten abzuschaffen, halte ich es für fraglos richtig, dass Erziehung zum Fleiß eine wichtige Aufgabe der Schule ist. Damit komme ich zu einem aufschlussreichen Aufsatz, in dem die semantische und soziale Bedeutung von „Fleiß“ in der Neuzeit skizziert wird – und das ist zugleich ein Anlass, auf den heute weithin unbekannten Otto Friedrich Bollnow hinzuweisen, der zwischen Pädagogik und Philosophie dahinsegelte und eine Philosophie gesucht hat, die dem wirklichen Menschen zugewandt war. Hier also ein Auszug aus seinem Aufsatz über den Fleiß:

Die Romantik bekämpft die aufklärerische Schätzung des Fleißes nicht als unsittlich, sondern sie verspottet sie nur als kleinlich. Das bedeutet: In irgendeiner Weise erkennt sie ihren Wert schon an, nur daß dieser Wert als niedrig, als verächtlich angesehen wird. Oder genauer: Der Wert als Wert wird nicht angefochten, sondern lediglich die Haltung, die diesen Wert als den höchsten nimmt und darüber andere und in Wirklichkeit höhere Werte nicht sieht. Es handelt sich nicht um die Alternative von Wert und Unwert, sondern um die Rangordnung zwischen höherem und niedrigerem Wert.

Und in dieser Richtung dürfte dann die Auflösung überhaupt zu suchen sein. Der Fehler der Aufklärung lag darin, daß sie den Fleiß und die ganze Gruppe der bürgerlichen Tugenden, deren Wert sie entdeckte, zugleich verabsolutierte, indem sie diese zu den schlechthin entscheidenden Tugenden erhob. Demgegenüber gilt es zu erkennen: Der Fleiß ist keine von den „hohen“ Tugenden, keine von denen, die dem menschlichen Leben einen letzten Sinn geben. Dies erkannt zu haben, und daß die Verabsolutierung dieser Tugenden schließlich dem menschlichen Leben seine Erfüllung nimmt (ihm „die Rückkehr ins Paradies verwehrt“), ist dann die besondre Leistung der Romantik. Und es kommt darauf an, diese Leistung zu bewahren. Der Fleiß ist eine relative und keine absolute Tugend. Aber diese Relativierung des Fleißes darf nicht dazu führen, den Fleiß überhaupt abzulehnen oder verächtlich zu machen, und indem sich die Romantik in ihrer Freude an der provozierenden Formulierung dazu hinreißen ließ, fiel sie aus der Bekämpfung der einen Verkehrung in die entgegengesetzte, aber nicht minder verderbliche Verkehrung, aus dem Kampf gegen die Verabsolutierung des Fleißes in seine grundsätzliche Verneinung. In Wirklichkeit aber bedeutet die Relativierung der Tugend des Fleißes nicht seine Negierung, sondern es kommt darauf an, seine Stelle als dienende Tugend im größeren Ganzen einer sinnvollen Rangordnung der Tugenden richtig zu bestimmen. Er ermöglicht nicht nur nach außen hin den geregelten Haushalt des Lebens, sondern ist auch nach innen hin ein notwendiges Glied jeder Disziplinierung. Faulheit ist Zuchtlosigkeit. Und erst auf dem Boden eines angespannten und in sich notwendig asketischen Fleißes werden dann die höheren Leistungen des sittlichen Lebens ermöglicht. [...]

Seine besondere Bedeutung gewinnt damit aber der Fleiß unter dem pädagogischen Gesichtspunkt. Die Erziehung zum Fleiß bedeutet in der Tat den Grundstein aller sittlichen Erziehung. Er hat eine disziplinierende Kraft, die schlechterdings durch keine andre Tugend ersetzt werden kann und die weit über den Umkreis des wirtschaftlichen Lebens hinausgeht. Freilich liegt in ihm (wie in jeder Tugend) zugleich die Gefahr der Entartung. Das ist einmal die Verengung des Blicks auf den Umkreis des bloß Nützlichen und damit die Gefahr des Banausischen. Das ist zweitens sodann die Neigung zum Übereifer und damit die Gefahr eines blinden Fanatismus. Und beiden Gefahren gegenüber bedarf es dann zugleich des ironischen Abstands, wie ihn die Romantik uns in unvergleichlicher Weise gelehrt hat, ohne dabei wieder umgekehrt der spielerischen Verantwortungslosigkeit zu verfallen.

(Otto Friedrich Bollnow: Der Fleiß. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Tugendbegriffe, 1949 = https://bollnow-gesellschaft.de/getmedia.php/_media/ofbg/201504/454v0-orig.pdf

Man findet verschiedene Arbeiten Bollnows auf der Seite der Bollnow-Gesellschaft: https://bollnow-gesellschaft.de/schriften/



Donnerstag, 4. März 2021

Probleme mit der deutschen Rechtschreibung

Otto Reutter: ABC (Der alte Dorfschulmeister)

(Der Vortragende tritt als alter Dorfschulmeister auf)

A B C, mir tut der Schädel weh!
Bin ein alter Dorfschulmeister,
unterricht‘ die kleinen Geister.
‘s ABC ist meine Lehr‘.
‘s „A“ könn‘n viele schon vorher.
Denn so‘n Kindchen, kaum ist‘s hiesig,
sagt schon „Ah!“ und freut sich riesig.
Und ist‘s kaum ein Weilchen da,
bringt‘s uns schon ein Doppel-A-A.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Kinder stell‘n oft kluge Fragen
Und wir wissen nichts zu sagen.
„Warum“, fragt manch kleiner Wicht,
schreibt man anders, als man spricht?“
Man schreibt „e-u“ und sagt „R
eue“,
sucht doch einen Laut, nicht zweie.
„e-i“ – „ei“, man sagt doch nie:
Unser Huhn legt ein „E-i“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Durch die Kinder-Pädagogik
schärft‘ ich selber meine Logik.
Manches Wort man anders schreibt,
das von gleichem Klange bleibt.
Ob ich „mehr Meer“ oder ‘n „See seh“,
Mal ‘n „e-h“ und mal zwei „e“ seh‘,
‘s klingt ganz gleich: Fürs „Mittelmeer“
hab‘n wir keine „Mittel mehr“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Warum schreibt man „Si
e“ mit „i-e“?
‘s heißt „Mani“ und nicht „Mani-e“,
Schreibt doch „Wisel“! „Wiesel“ klingt
sonst „Wi-esel“ unbedingt.
Auch ‘s „o-e“ verursacht Nöte:
Mal heißt‘s „Goethe“, mal „Po-ete“.
Schließlich liest dann mancher gar,
Daß „Go-ethe“ „Poete“ war.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Ypsilon könnt‘ „ü“ und „i“ sein –
X ist nix, auch das braucht nie sein.
Schreibt doch „Nixe“ mit zwei „k“,
auch das „Q“ steht unnütz da.
„K“ und „W“ nur brauchten bleiben,
„Kwelle“, „Kwatsch“, so‘n Quatsch zu schreiben!
Statt mit „K“ mit „Q“ steht‘s da,
und grad „Kuh“ schreibt man mit „K“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Oft wird man vom Klang betrogen:
‘s „Heer“ kommt „hehr“ ein
hergezogen.
Jeder „Saal“, der hat zwei „a“,
‘n „Scheusal“ steht mit einem da.
„Tran“ und „Thron“ – gedehnt sind beide –
doch im „Tran“ das „h“ vermeide,
Nur im „Thron“, das weiß man ja,
Find‘t man immer noch ein „h“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„Mal“ und „Mahl“ spricht allemal man
mit und ohne „h“ egal man.
„Eh‘gemahl“ und „gehe mal“,
„Mittagsmahl“ und „Muttermal“,
„Male“ soll „mal“ Kaffee „mahlen“ –
Müller „mahlen“ – Maler „malen“ –
alle „ma(h)len“ alle „Mal“
mit und ohne „h“ – egal.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„s-z“ hat verschied‘ne Tönung,
mal heißt‘s „blaß“, dann „bloß“ – mit Dehnung.
Auch „c-h“ kapiert man nicht,
mal heißt‘s „Docht“ und mal heißt‘s „dicht“,
„Sachsen“ müsst‘ man „Sakksen“ schreiben
oder
s müsste „Sachsen“ bleiben (sprich „Sach-sen“, wie von „Sache“ abgeleitet).
weil‘s auch „sachverständig“ meist
und nicht „sakkverständig“ heißt.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„F“ und „V“ – ‘s könnt‘ eins genügen –
„faule Fische“ – „viel Vergnügen“,
„Viere“ – „fünfe“ – „Vater“ – „Frau“
„Gustav“ – „Gasthof“ – „F“ wie „V“...
Bloß „Pfau“ wird „P-f“ geschrieben,
„Vetter“ ist mit „V“ zu üben,
doch auch ‘s „F“ wird nicht vermißt,
wenn‘s ein „fetter“ „Vetter“ ist.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„C“ und „Z“, die gleiche Sorge,
mal „Zigarre“, mal „Cichorie“,
„Zeh“ mit „Z“, kein „C“ im „Zeh“
Und „Cäcilie“
(sprich Zei-cilie) mit nem „C“ –
„C“ klingt oft wie „K“ so heftig –
„Cohn“ im „Kahn“, klingt beides kräftig –
‘s ist auch gar kein Unterschied –
Cohn ist Jüd‘ und Kahn ist Jüd‘!
[Beide Namen gehen auf ‚cohen‘ = Priester zurück, N.T.]

A B C, mir tut der Schädel weh!
Mancher „singt“ die schönsten „Lieder“
Wenn das Aug‘ „sinkt“, fall‘n die „Lider“.
Mancher, den du „fast“ „gefaßt“,
flieht voll „Hast“, weil er dich „haßt“.
„Wird“ ein „Wirt“ „verwirrt“ hienieden,
Klingt‘s gleich, doch man schreibt‘s verschieden.
Manchmal schreibt man „Völkerbund“,
manchmal treib‘n ‘s die „Völker bunt“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„Vase“
(sprich da V wie ein F) schreibt man und sagt „Wase“,
„Phase“
(sprich „P-hase“) schreibt man und sagt „Fase“.
Manche Maid voll Arroganz
„ist“
ne Gans und „isst“ ne Gans.
Der Berliner kann die beiden
„G“ und „J“ nicht unterscheiden.
„Jesus“ steht mit „Jott“, o jeh!
Und „Gott“
(sprich „Jott“) schreibt man mit nem „G“.

(Geht kopfschüttelnd ab.)

Anm.: Der Vortrag wirkt, wenn er allgemein verständlich gebracht und gut erklärt wird. Für jede Strophe ist eine große Papptafel erforderlich, auf welcher die betreffenden Buchstaben links und die Wörter rechts stehen. Der Vortragende zeigt dann beim Singen auf den entsprechenden Tafeltext.

P.S. Wer die alte Rechtschreibung nicht mehr kennt, wird sich bei einigen Beispielen schwertun; Reutter lebte 1870-1931.



Samstag, 6. Februar 2021

Stichwort ermahnen

Die unverhoffte Wirkung

Wenn du die Kinder ermahnst, so meinst du, dein Amt sei erfüllet.

Weißt du, was sie dadurch lernen? - Ermahnen, mein Freund!


Heinrich von Kleist

 

Samstag, 16. Januar 2021

Etwas lernen wollen

In einem Brief an Lucilius schrieb Seneca: „Je mehr die Seele aufnimmt, desto mehr erweitert sie sich, diese Lehre gab uns, wie ich mich erinnere, Attalus, als wir seine Schule belagerten“, und er zitiert dann einen Satz seines Lehrers: „Dasselbe Ziel muss sowohl der Lehrende als der Lernende haben, jener, dass er nützen, dieser, dass er Nutzen ziehen wolle.“ Anders gesagt, der Lehrer muss lehren und der Schüler lernen wollen.

Das hört sich banal an, ist es aber nicht; im Zeitalter des Internets wollen manche Schüler nur ein Ergebnis gezeigt bekommen – copy and paste, ohne sich mit dem Gegenstand auseinanderzusetzen. Oder wie mir einmal ein Schüler, dem ich Nachhilfe gegeben habe, zu einer literaturgeschichtlichen Epoche sagte: „Ich brauche fünf Schlagworte, die ich immer reinhauen kann.“ Dieser Schüler wollte nichts lernen; aber dass er mit den fünf Schlagworten durchgekommen ist, zeigt, dass seine Lehrerin auch nicht lehren wollte.

Leider erinnere ich mich daran, dass ich als Schüler am Gymnasium oft auch nichts lernen wollte; einmal war ich ein guter Schüler, der das vermeintlich nicht nötig hatte, und zum anderen waren viele unserer Lehrer Witzfiguren, von denen man allein deshalb nichts lernen wollte.

Mein Credo in meiner Dienstzeit lautete: „Ein guter Schüler lernt bei jedem Lehrer etwas, ein schlechter bei keinem, und nur für die anderen kommt es auf die richtigen Lehrmethoden an.“ Das würde ich jetzt nicht mehr so unbedingt sagen: Es kommt immer auf die Persönlichkeit und das Engagement des Lehrers und auf seine Lehrmethoden an – aber ein guter Schüler lernt selbst dann etwas, wenn nicht alles in Ordnung ist.

Ich füge noch einige Fragmente Demokrits (um 500 v.u.Z.) an:

Natur und Erziehung sind verwandt. Denn die Erziehung wandelt den Menschen um; indem sie ihn aber umwandelt, schafft sie eine neue Natur. (95)

Es werden mehr Leute durch Schulung als durch natürliche Begabung tüchtig. (96)

Man kann es weder in einer Kunst noch in einer Wissenschaft zu etwas bringen, ohne dass man lernt. (97)

Edle Güter erarbeitet man sich nur durch anstrengendes Lernen, gemeine aber erntet man von selbst ohne Anstrengung. (98)

Einem minderwertigen Menschen untergeben zu sein ist schwer. (148)

Die Fragmente sind nach einer Ausgabe von Wilhelm Nestle zitiert: https://archive.org/details/dievorsokratiker00nestiala/page/174/mode/2up