Sonntag, 28. März 2021

Über die richtige Erziehung zum Fleiß

In meiner Schulzeit gab es die Kopfnoten im Zeugnis, in denen die Lernhaltung des Schülers bewertet wurde. Dazu gehörte „Fleiß und Aufmerksamkeit“. Ohne dass ich hier diskutieren möchte, ob es sinnvoll war, die Kopfnoten abzuschaffen, halte ich es für fraglos richtig, dass Erziehung zum Fleiß eine wichtige Aufgabe der Schule ist. Damit komme ich zu einem aufschlussreichen Aufsatz, in dem die semantische und soziale Bedeutung von „Fleiß“ in der Neuzeit skizziert wird – und das ist zugleich ein Anlass, auf den heute weithin unbekannten Otto Friedrich Bollnow hinzuweisen, der zwischen Pädagogik und Philosophie dahinsegelte und eine Philosophie gesucht hat, die dem wirklichen Menschen zugewandt war. Hier also ein Auszug aus seinem Aufsatz über den Fleiß:

Die Romantik bekämpft die aufklärerische Schätzung des Fleißes nicht als unsittlich, sondern sie verspottet sie nur als kleinlich. Das bedeutet: In irgendeiner Weise erkennt sie ihren Wert schon an, nur daß dieser Wert als niedrig, als verächtlich angesehen wird. Oder genauer: Der Wert als Wert wird nicht angefochten, sondern lediglich die Haltung, die diesen Wert als den höchsten nimmt und darüber andere und in Wirklichkeit höhere Werte nicht sieht. Es handelt sich nicht um die Alternative von Wert und Unwert, sondern um die Rangordnung zwischen höherem und niedrigerem Wert.

Und in dieser Richtung dürfte dann die Auflösung überhaupt zu suchen sein. Der Fehler der Aufklärung lag darin, daß sie den Fleiß und die ganze Gruppe der bürgerlichen Tugenden, deren Wert sie entdeckte, zugleich verabsolutierte, indem sie diese zu den schlechthin entscheidenden Tugenden erhob. Demgegenüber gilt es zu erkennen: Der Fleiß ist keine von den „hohen“ Tugenden, keine von denen, die dem menschlichen Leben einen letzten Sinn geben. Dies erkannt zu haben, und daß die Verabsolutierung dieser Tugenden schließlich dem menschlichen Leben seine Erfüllung nimmt (ihm „die Rückkehr ins Paradies verwehrt“), ist dann die besondre Leistung der Romantik. Und es kommt darauf an, diese Leistung zu bewahren. Der Fleiß ist eine relative und keine absolute Tugend. Aber diese Relativierung des Fleißes darf nicht dazu führen, den Fleiß überhaupt abzulehnen oder verächtlich zu machen, und indem sich die Romantik in ihrer Freude an der provozierenden Formulierung dazu hinreißen ließ, fiel sie aus der Bekämpfung der einen Verkehrung in die entgegengesetzte, aber nicht minder verderbliche Verkehrung, aus dem Kampf gegen die Verabsolutierung des Fleißes in seine grundsätzliche Verneinung. In Wirklichkeit aber bedeutet die Relativierung der Tugend des Fleißes nicht seine Negierung, sondern es kommt darauf an, seine Stelle als dienende Tugend im größeren Ganzen einer sinnvollen Rangordnung der Tugenden richtig zu bestimmen. Er ermöglicht nicht nur nach außen hin den geregelten Haushalt des Lebens, sondern ist auch nach innen hin ein notwendiges Glied jeder Disziplinierung. Faulheit ist Zuchtlosigkeit. Und erst auf dem Boden eines angespannten und in sich notwendig asketischen Fleißes werden dann die höheren Leistungen des sittlichen Lebens ermöglicht. [...]

Seine besondere Bedeutung gewinnt damit aber der Fleiß unter dem pädagogischen Gesichtspunkt. Die Erziehung zum Fleiß bedeutet in der Tat den Grundstein aller sittlichen Erziehung. Er hat eine disziplinierende Kraft, die schlechterdings durch keine andre Tugend ersetzt werden kann und die weit über den Umkreis des wirtschaftlichen Lebens hinausgeht. Freilich liegt in ihm (wie in jeder Tugend) zugleich die Gefahr der Entartung. Das ist einmal die Verengung des Blicks auf den Umkreis des bloß Nützlichen und damit die Gefahr des Banausischen. Das ist zweitens sodann die Neigung zum Übereifer und damit die Gefahr eines blinden Fanatismus. Und beiden Gefahren gegenüber bedarf es dann zugleich des ironischen Abstands, wie ihn die Romantik uns in unvergleichlicher Weise gelehrt hat, ohne dabei wieder umgekehrt der spielerischen Verantwortungslosigkeit zu verfallen.

(Otto Friedrich Bollnow: Der Fleiß. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Tugendbegriffe, 1949 = https://bollnow-gesellschaft.de/getmedia.php/_media/ofbg/201504/454v0-orig.pdf

Man findet verschiedene Arbeiten Bollnows auf der Seite der Bollnow-Gesellschaft: https://bollnow-gesellschaft.de/schriften/



Donnerstag, 4. März 2021

Probleme mit der deutschen Rechtschreibung

Otto Reutter: ABC (Der alte Dorfschulmeister)

(Der Vortragende tritt als alter Dorfschulmeister auf)

A B C, mir tut der Schädel weh!
Bin ein alter Dorfschulmeister,
unterricht‘ die kleinen Geister.
‘s ABC ist meine Lehr‘.
‘s „A“ könn‘n viele schon vorher.
Denn so‘n Kindchen, kaum ist‘s hiesig,
sagt schon „Ah!“ und freut sich riesig.
Und ist‘s kaum ein Weilchen da,
bringt‘s uns schon ein Doppel-A-A.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Kinder stell‘n oft kluge Fragen
Und wir wissen nichts zu sagen.
„Warum“, fragt manch kleiner Wicht,
schreibt man anders, als man spricht?“
Man schreibt „e-u“ und sagt „R
eue“,
sucht doch einen Laut, nicht zweie.
„e-i“ – „ei“, man sagt doch nie:
Unser Huhn legt ein „E-i“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Durch die Kinder-Pädagogik
schärft‘ ich selber meine Logik.
Manches Wort man anders schreibt,
das von gleichem Klange bleibt.
Ob ich „mehr Meer“ oder ‘n „See seh“,
Mal ‘n „e-h“ und mal zwei „e“ seh‘,
‘s klingt ganz gleich: Fürs „Mittelmeer“
hab‘n wir keine „Mittel mehr“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Warum schreibt man „Si
e“ mit „i-e“?
‘s heißt „Mani“ und nicht „Mani-e“,
Schreibt doch „Wisel“! „Wiesel“ klingt
sonst „Wi-esel“ unbedingt.
Auch ‘s „o-e“ verursacht Nöte:
Mal heißt‘s „Goethe“, mal „Po-ete“.
Schließlich liest dann mancher gar,
Daß „Go-ethe“ „Poete“ war.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Ypsilon könnt‘ „ü“ und „i“ sein –
X ist nix, auch das braucht nie sein.
Schreibt doch „Nixe“ mit zwei „k“,
auch das „Q“ steht unnütz da.
„K“ und „W“ nur brauchten bleiben,
„Kwelle“, „Kwatsch“, so‘n Quatsch zu schreiben!
Statt mit „K“ mit „Q“ steht‘s da,
und grad „Kuh“ schreibt man mit „K“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Oft wird man vom Klang betrogen:
‘s „Heer“ kommt „hehr“ ein
hergezogen.
Jeder „Saal“, der hat zwei „a“,
‘n „Scheusal“ steht mit einem da.
„Tran“ und „Thron“ – gedehnt sind beide –
doch im „Tran“ das „h“ vermeide,
Nur im „Thron“, das weiß man ja,
Find‘t man immer noch ein „h“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„Mal“ und „Mahl“ spricht allemal man
mit und ohne „h“ egal man.
„Eh‘gemahl“ und „gehe mal“,
„Mittagsmahl“ und „Muttermal“,
„Male“ soll „mal“ Kaffee „mahlen“ –
Müller „mahlen“ – Maler „malen“ –
alle „ma(h)len“ alle „Mal“
mit und ohne „h“ – egal.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„s-z“ hat verschied‘ne Tönung,
mal heißt‘s „blaß“, dann „bloß“ – mit Dehnung.
Auch „c-h“ kapiert man nicht,
mal heißt‘s „Docht“ und mal heißt‘s „dicht“,
„Sachsen“ müsst‘ man „Sakksen“ schreiben
oder
s müsste „Sachsen“ bleiben (sprich „Sach-sen“, wie von „Sache“ abgeleitet).
weil‘s auch „sachverständig“ meist
und nicht „sakkverständig“ heißt.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„F“ und „V“ – ‘s könnt‘ eins genügen –
„faule Fische“ – „viel Vergnügen“,
„Viere“ – „fünfe“ – „Vater“ – „Frau“
„Gustav“ – „Gasthof“ – „F“ wie „V“...
Bloß „Pfau“ wird „P-f“ geschrieben,
„Vetter“ ist mit „V“ zu üben,
doch auch ‘s „F“ wird nicht vermißt,
wenn‘s ein „fetter“ „Vetter“ ist.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„C“ und „Z“, die gleiche Sorge,
mal „Zigarre“, mal „Cichorie“,
„Zeh“ mit „Z“, kein „C“ im „Zeh“
Und „Cäcilie“
(sprich Zei-cilie) mit nem „C“ –
„C“ klingt oft wie „K“ so heftig –
„Cohn“ im „Kahn“, klingt beides kräftig –
‘s ist auch gar kein Unterschied –
Cohn ist Jüd‘ und Kahn ist Jüd‘!
[Beide Namen gehen auf ‚cohen‘ = Priester zurück, N.T.]

A B C, mir tut der Schädel weh!
Mancher „singt“ die schönsten „Lieder“
Wenn das Aug‘ „sinkt“, fall‘n die „Lider“.
Mancher, den du „fast“ „gefaßt“,
flieht voll „Hast“, weil er dich „haßt“.
„Wird“ ein „Wirt“ „verwirrt“ hienieden,
Klingt‘s gleich, doch man schreibt‘s verschieden.
Manchmal schreibt man „Völkerbund“,
manchmal treib‘n ‘s die „Völker bunt“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„Vase“
(sprich da V wie ein F) schreibt man und sagt „Wase“,
„Phase“
(sprich „P-hase“) schreibt man und sagt „Fase“.
Manche Maid voll Arroganz
„ist“
ne Gans und „isst“ ne Gans.
Der Berliner kann die beiden
„G“ und „J“ nicht unterscheiden.
„Jesus“ steht mit „Jott“, o jeh!
Und „Gott“
(sprich „Jott“) schreibt man mit nem „G“.

(Geht kopfschüttelnd ab.)

Anm.: Der Vortrag wirkt, wenn er allgemein verständlich gebracht und gut erklärt wird. Für jede Strophe ist eine große Papptafel erforderlich, auf welcher die betreffenden Buchstaben links und die Wörter rechts stehen. Der Vortragende zeigt dann beim Singen auf den entsprechenden Tafeltext.

P.S. Wer die alte Rechtschreibung nicht mehr kennt, wird sich bei einigen Beispielen schwertun; Reutter lebte 1870-1931.